„Da wird der Herr Hopp sonst sehr böse sein“

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Zum 80. Geburtstag wäre Horst-Dieter Strich am liebsten mit seiner Frau verreist. Jetzt wird im kleinsten Kreis gefeiert. Im Interview spricht Strich, der als Trainer den VAR Bürstadt und Mainz 05 in die 2. Bundesliga führte und seit 2000 eine Torwartschule in Worms leitet, über Nachwuchsprobleme, wütende Trainerlegenden – und warum er an seinem Ehrentag auch an Dietmar Hopp denkt.

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An Trainingscamps ist in der Pandemie nicht zu denken. Aktuell bietet Horst-Dieter Strich in seiner Torwartschule Einzeltraining an. © Berno Nix

Herr Strich, 2011 haben Sie von einem Freund erzählt, der Ihnen riet, Geburtstage rückwärts zu zählen. Wie alt sind Sie also?

44 Bundesliga-Einsätze

Geboren wurde Horst-Dieter Strich am 8. April 1941 in Berlin. Der bei Wormatia Worms ausgebildete Schlussmann etablierte sich beim 1. FC Kaiserslautern (1963 bis 1965), PSV Eindhoven (1965/66) und 1. FC Nürnberg (66/67) als Profitorwart und kommt auf 44 Bundesliga-Einsätze.

Als Trainer sicherte Strich der Wormatia 1981 einen Platz in der neu geschaffenen eingleisigen 2. Bundesliga. Danach wechselte er zum VfR Bürstadt. Dort gewann er 1983 und 1984 zwei Oberliga-Meisterschaften. 1984 schaffte der VfR unter Strich zum letzten Mal den Sprung in die 2. Liga. 1988 führte der Trainer Mainz 05 in die Zweitklassigkeit.

Strich ist verheiratet mit Roswitha (72) und hat drei Kinder aus erster Ehe: Sylvia (56), Denni (54) und Lars (43). Im Mai feiert das Paar, das sechs Enkel hat, sein 30-Jähriges. cpa

Horst-Dieter Strich: Ich hab’s aufgegeben, aber der Tipp war gut. (lacht)

Vorab meinten Sie, dass Sie den 80. Geburtstag in „allerbester Gesundheit“ feiern. Kann man sich mehr wünschen?

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Strich: Ich bin sehr froh. Vor zwei Jahren habe ich eine Ablation am Herzen bekommen. Die Termine hat Dietmar Hopp gemacht. Ich kam sofort dran. Das hat mir sehr geholfen.

Was war passiert?

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Strich: Ich hatte heftige Herz-Rhythmus-Störungen. Mein Sohn Denni (heute Geschäftsführer bei der TSG Hoffenheim, Anmerkung der Redaktion) hat es seinem Freund Christian Frommert (TSG-Mediendirektor) geschrieben. Christian hat dann wohl sofort Herrn Hopp kontaktiert. In den ersten Januartagen hat mich Herr Hopps Sekretärin angerufen und wollte einen Termin ausmachen. Ich wusste nicht, worum es ging – bis sie sagte: „Da wird mir der Herr Hopp aber sonst sehr böse sein.“ Danach wurden viele Tests mit mir in Heidelberg gemacht. Die Ablation hat Klinikchef Professor Dr. Hugo A. Katus vorgenommen. Seitdem geht es mir hervorragend. Ich habe übrigens dasselbe Gewicht wie als Aktiver – knapp 74 kg. Wir können uns gerne zum 90. Geburtstag wieder sprechen.

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Wie halten Sie sich fit?

Strich: Am vergangenen Mittwoch zum Beispiel hatte ich zwei Kinder zum Training da. Dienstags waren es drei Kinder und donnerstags drei – immer nacheinander für eine Stunde. Wenn es wärmer wird, reicht mir das. Ich muss Bälle schießen und werfen, Hütchen und Hürden aufstellen.

Wie wichtig ist die Einstellung zum Alter?

Strich: Eigentlich blende ich das Thema aus. Natürlich sagen mir Kinder im Camp mal: Was, du bist so alt? Dann sage ich ihnen: Das ist ein Druckfehler, ich bin 1951 geboren.

Lothar Buchmann, der den VfR Bürstadt 1984 nach Ihnen übernahm, war mit Ende 70 noch als Trainer aktiv. Für Sie war dagegen Bürstadt 1999 die letzte Station. Da waren Sie erst 58 Jahre alt.

Strich: Laut dem „Darmstädter Echo“ war ich der erfolgreichste Amateurtrainer Deutschlands. In meiner letzten Saison bin ich aber ohne Selbstverschulden mit dem VfR abgestiegen, nachdem im Winter alle teuren Spieler verkauft wurden und ich die Rückrunde weniger oder mehr mit einer zweiten Mannschaft bestreiten musste. Und dann war da noch das Spiel gegen Darmstadt 98, als wir in der 92. Minute einen völlig unberechtigten Freistoß gegen uns bekommen haben. Das alles hat mir so wehgetan, dass ich keinen Bock mehr hatte. Wenig später habe ich meine Fußballschule eröffnet. Ich hatte zwar später noch Anfragen von Eintracht Bad Kreuznach und Sportfreunde Heppenheim. Letztlich hatte ich aber mit der Fußballschule schon sehr viel zu tun. Mittlerweile bin ich im 22. Jahr. Zum Zehnjährigen kam der SWR für einen Beitrag vorbei, wir sind überregional bekannt.

Wie führt man eine Torwartschule in diesen Zeiten?

Strich: Vergangene Woche hätte ich ein dreitägiges Feriencamp mit 50 Kindern gehabt, einen Tag später ein Camp mit 14 Torhütern. Samstags wäre ich in der Pfalz gewesen. Wirtschaftlich fällt ein ansehnlicher Betrag weg. Das Individualtraining macht aber auch viel Spaß.

Wie hart trifft die Pandemie den Nachwuchs?

Strich: Ich finde die Maßnahmen nicht gerechtfertigt. Im Bus oder in der Schule sind Kinder eng beisammen – im Freien toben dürfen sie nicht. Neulich haben wir in Leiselheim auf einer Wiese individuell trainiert. Wenige Meter daneben war der Sportplatz des SV Leiselheim, da durfte ich nicht drauf. Das sind Sachen, die verstehe ich nicht. Ich will die Pandemie nicht wegreden, bin nicht böswillig. Aber bei mir haben auch schon zwei talentierte Torhüter aufgehört.

Machen Sie sich generell Sorgen um Deutschlands Torwarttalente? Alexander Nübel sitzt in München nur auf der Bank.

Strich: Nübel wird viel zu hoch eingestuft, finde ich. Gucken Sie sich sein letztes Jahr bei Schalke an. Letztens gegen Lazio kriegt er eigentlich nichts aufs Tor, macht aber einen Riesenbock. Die Bayern sollten ihn verkaufen oder verleihen. Vielleicht zeigt er dann seine Klasse. Wer einen sehr guten Eindruck bei mir hinterlassen hat, ist Bernd Leno bei Arsenal. Doch nach den vier, fünf Etablierten gibt es ein großes Loch.

Wie kommt das?

Strich: Von Eltern höre ich: „Im Verein wird halt nichts gemacht.“ In höherklassigen Amateurvereinen ist das Geld für einen Torwarttrainer noch da, in den unteren Klassen trainiert oft der eigene Vater den Torhüter. Als Torwart musst du außerdem ehrgeizig sein. Ich habe einmal ein Video von Manuel Neuer gesehen, wie er als Kind ein Gegentor bekommen hat. Der ist ausgeflippt. Dieser Biss fehlt vielleicht. Die Kinder heute haben alles. Wenn es regnet, rufen mich Mütter an und sagen ab. Verallgemeinern will ich das nicht. Wenn wir im Torwartcamp sind, herrscht bei allem Spaß auch eiserne Disziplin.

Die Pandemie ist nicht förderlich…

Strich: Ich bekomme mit, dass Torhüter, die in der A- oder B-Jugend sind, sich gar nicht für höhere Aufgaben empfehlen können. Ich wollte einen Torwart für den 1. FC Kaiserslautern vorschlagen, aber dort passiert coronabedingt gerade nichts.

Stichwort „eiserne Disziplin“…

Strich: Angeblich war ich ja früher knallhart, nicht? (lacht) Die Kinder in meinen Feriencamps sind jedes Jahr drei- oder viermal da. Also kann ich so viel nicht falsch machen. Meine Frau sagt: „Die Kinder lieben Dich.“ Ich freue mich auf jeden Tag. Letzte Woche etwa wusste ich, dass ich richtig gefordert sein würde, weil ich an einem Tag drei echt gute Torhüter da hatte. Einer ist noch keine zehn Jahre alt. Der hat alles. Auch den Spleen, den ein Torhüter braucht. Die Haare sind lang und immer in einer anderen Farbe.

Was war Ihre Macke?

Strich: Wenn ich ein gutes Spiel gemacht hatte, musste ich dieselben Klamotten wieder anziehen. Außerdem habe ich fast immer weiße Stulpen getragen. Daran hat mich Max Merkel in Nürnberg aufgezogen. Ich sei so schön, aber halten könnte ich nicht. Irgendwann wollte er mich schlagen.

Warum das?

Strich: Das frage ich mich heute noch. Wir saßen vormittags in der Kabine. Da kam der Merkel rein und fragte mich, was ich so blöd gucken würde. Als ich das verneinte, meinte er mit seinem Wiener Dialekt: „Ich hau’ dir zwischen die Heizungsritzen.“ Da bin ich aufgestanden: „Sie haben den ersten Schlag. Aber dann beschweren Sie sich nicht.“ Im Training habe ich auf einem vereisten Hartplatz die Bälle von ihm draufbekommen. Eine Stunde lang.

Wann war Ihr letzter Stadionbesuch?

Strich: Vor einem Jahr, bei der TSG gegen Wolfsburg. Da habe ich Herrn Hopp persönlich kennengelernt. Ein ganz toller Mensch. Er hat mich beim 1. FC Kaiserslautern noch aktiv spielen sehen und kannte mich.

Das Stadion in Bürstadt gibt es quasi nicht mehr. Welche Bindung haben Sie zu diesem Ort?

Strich: Zu Spielern wie Franz Ludwig und Willi Reuter habe ich noch eine Bindung. Die Mannschaft, mit der wir aufgestiegen sind, war das Nonplusultra. Im Herbst war ich wieder dort, da war nur ein braches Gelände übrig. Vielleicht ist der neue Campus für den VfR eine Aussicht auf bessere Zeiten.

Sie selbst haben nie den Sprung nach oben gewagt. Warum nicht?

Strich: Ich hatte eine sehr gute Position als Bauleiter bei der Stadt Heppenheim. Mein Vater hat immer gesagt: „Wenn du keine goldenen Löffel klaust, hast du da deine Lebensstellung.“ Damals hat man als Trainer nicht das Geld bekommen, das man heute bekommt. Außerdem hatte ich die Fußballlehrer-Lizenz nicht. Mit einer Sondergenehmigung hätte ich es gemacht.