Fußball-WM 2022

Phänomen Panini: Interview mit Geschäftsführer Hermann Paul

Verpackungsprozess, Doppelte, Taschengeld: Hermann Paul, Geschäftsführer von Panini Deutschland, gewährt interessante Einblicke hinter die Kulissen des weltweit größte Verlags von Sammelprodukten.

Von 
Johannes Blem
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Prdouktion der Panini-Bildchen. © Panini Deutschland

Rhein-Neckar-Kreis/Qatar. Wie wird eigentlich garantiert, dass kein Bildchen zweimal im selben Tütchen landet? Und werden manche Sticker häufiger gedruckt als andere? Solche Fragen gingen wohl jedem geneigten Sammler schon mal durch den Kopf. Hermann Paul gibt im Gespräch mit unserer Zeitung Antworten.

Hermann Paul, Geschäftsführer von Panini Deutschland. © Panini Deutschland

Herr Paul, in wie vielen Ländern werden die Tütchen verkauft und wie viele gehen im Zuge einer WM über die Ladentische?

Hermann Paul: Allein in Deutschland ist die WM-Kollektion an rund 60 000 Verkaufsstellen erhältlich, weil die Nachfrage der Händler nach dem Kultprodukt einfach immens ist. Die Panini-Kollektion zur WM 2022 ist in mehr als 100 Ländern an insgesamt mehr als zwei Million Verkaufsstellen weltweit erhältlich. Panini kann mehr als 25 Millionen Stickertüten am Tag produzieren, das sind hochgerechnet mehr als 750 Millionen Einzelsticker pro Woche. Zu den verkauften Mengen wollen wir keine Angaben machen.

Wie sieht die Panini-Zielgruppe aus? Wie groß ist der Anteil an Erwachsenen und wie ist das Verhältnis zwischen männlich und weiblich?

Paul: Zu WM-Zeiten ist ganz Deutschland unsere Zielgruppe. Jung und Alt, Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche quer durch alle Bevölkerungsgruppen und -schichten. Frei nach der Devise, „geteilte Freude ist doppelte Freude“.

Panini Verlag GmbH

  • Die Panini-Gruppe mit Sitz im italienischen Modena ist der weltweit größte Verlag von Sammelprodukten. Das Unternehmen besitzt zwölf Tochtergesellschaften.
  • Die Panini Verlags GmbH zählt zu Deutschlands größten Verlagen im Kinderund Jugendsegment und ist Deutschlands größter Comicverlag.
  • Am Firmensitz in Stuttgart sind rund 70 Mitarbeiter tätig. In Deutschland veröffentlicht Panini jährlich rund 200 Buch-, 750 Comic- und 50 Magazin-Titel sowie 50 Sammelprodukte (Sticker,Trading Cards und mehr).

Wie erfolgte früher und heute die Vermischung vor dem Verpackungsprozess, wie wird eine zufällige Verteilung garantiert?

Paul: Ganz am Anfang nutzten die vier Panini-Brüder ein Butterfass und ein Rad, das der Lottozahlen-Mischmaschine ähnelt. Dieses Rad war mittels eines Fahrradrahmens mit dem Fass verbunden und wurde durch einen Studenten angetrieben: 15 Umdrehungen vorwärts, 15 rückwärts. Überliefert ist auch eine weitere Geschichte zum Mischverfahren, das wenig später angewendet wurde: Die Paninis warfen die Bilder in die Luft und mischten sie anschließend mit einer herkömmlichen Schaufel durch.

Sportler aus der Region: Patrick Drewes



Patrick Drewes (29), Torhüter SV Sandhausen, sammelte zur WM 2002 in Südkorea, bekam das Heft aber nie voll.

Herr Drewes, haben Sie damals Sticker nachbestellt, als das Album nicht voll wurde?

Patrick Drewes: Nein, eher nachgekauft. (lacht) Leider waren aber oftmals die gleichen Spieler drin.

Hatten Sie ein  Lieblingsteam und sind Ihnen einzelne Spieler in Erinnerung geblieben?

Drewes: Ein spezielles Lieblingsteam hatte ich nicht, aber für mich war schon damals besonders, Torhüter zu sammeln und einzukleben. Je größer und je besser der Torwart war, desto cooler. Spontan kommen mir da Oliver Kahn und Gianluigi Buffon in den Kopf.

Ist ein großer Anteil des Taschengelds für das Sammeln draufgegangen?

Drewes: (Seufzt) Ja, schon. Ich würde behaupten, es lag daran, dass ich wenig Taschengeld bekommen habe. Es könnte aber auch daran gelegen haben, dass ich wirklich viele Tüten gekauft habe. Da gehen die Meinungen auseinander. (lacht)

Wie sind die einzelnen Motive zahlenmäßig verteilt, gibt es häufigere und seltenere?

Paul: Alle Sticker werden gleich oft produziert.

Diese Methode wurde sicherlich ab einem gewissen Zeitpunkt zu aufwändig…

Paul: Das ist richtig, auf Dauer musste für die Massenproduktion eine professionelle Lösung her. Giuseppe bat 1963 seinen  Bruder Umberto, der damals in Venezuela arbeitete, nach Italien zurückzukommen. Gesagt, getan. So entwickelte der Techniker Umberto Panini (er starb 2013 als letzter der Panini-Geschwister) 1964 im Auftrag seiner Brüder das spätere Herz der Firma: die Fifimatic. Es handelt sich um eine Misch- und Eintütmaschine, die dafür sorgt, dass niemals zwei gleiche Bilder in einer Tüte landen. Noch heute stehen 25 dieser Maschinen in der Produktionshalle von Panini in Modena.

Sportler aus der Region: Christoph Lahme



Christoph Lahme (29), Cheftrainer der HG Oftersheim/Schwetzingen, war bereits zweimal leidenschaftlicher Sammler. Bei einem Nebenjob saß er gewissermaßen direkt an der Quelle.

Herr Lahme, was hat 2002 den Reiz als Neunjähriger ausgemacht?

Christoph Lahme: Das war einfach ein ganz großes Ding in der Grundschule, es gab eine richtige „Schulhof-Euphorie“. Und ich habe das Heft komplett voll bekommen. Es liegt bei meiner Mutter auf dem Speicher, ich weiß genau wo.

Fällt Ihnen eine witzige Anekdote ein, wenn Sie an das Sammeln und Tauschen denken?

Lahme: Während der WM 2018 habe ich nebenberufl ich an der Tanke gearbeitet und alle Angestellten haben zusammen als Team Panini gesammelt. Bei bestimmten Getränken und Süßigkeiten gab es damals zwei, drei Aufkleber gratis dazu. Wenn dann Leute diese Produkte gekauft haben, habe ich gefragt, ob sie die Sticker brauchen. (lacht)

Hatten Sie jemals moralische Bedenken? Schließlich geben gerade sehr junge Menschen, die noch kein Gefühl für Geld haben, sehr viel für die Panini-Päckchen aus.

Paul: Seit Jahrzehnten geben sich Fußball- und Sammelleidenschaft die Hand. Das ist ein Phänomen, da staunen wir oft selbst. Das ist im Grunde ein Hobby, das wie jede andere Freizeitbeschäftigung auch in den Händen der Großeltern oder Eltern liegt, die mit ihren Enkeln oder Kindern darüber sprechen können, für was sie ihr Taschengeld ausgeben möchten.

Sportler aus der Region: Jürgen Becker



Jürgen Becker wechselte 1982 von der Spvgg 06 Ketsch zur großen Gladbacher Borussia, wo er zwei Saisons lang mit Bundesliga-Stars wie Lothar Matthäus, Uli Borowka und Ewald Lienen kickte. In dieser Zeit landete Beckers Konterfeit auf dem Panini-Papier. Dies begleitet den 58-Jährigen bis heute.

Herr Becker, sind Sie auch selbst mal unter die Sammler gegangen?

Jürgen Becker: Na klar, als Zehnjähriger bei der WM 1974. Ich war ganz versessen nach meinem Vorbild Franz Beckenbauer und dessen Endspiel-Kontrahent Johann Cruyff , dem damaligen König des Fußballs.

Werden Sie heute noch auf Ihre eigene Panini-Vergangenheit angesprochen?

Becker: Ab und an erreicht mich Autogrammpost von Fußball-Liebhabern, die viel Mühe und Zeit aufwenden, um ehemalige Fußballer ausfi ndig zu machen. Dabei finde ich bemerkenswert, dass neben alten Autogrammkarten oder Mannschaftsbildern immer mal wieder ein Panini-Bild von mir mit einer Anfrage für eine Originalunterschrift dabei liegt.

Kann die Erfolgsgeschichte Panini ohne die Lizenzen der Uefa bei europäischen Turnieren weitergehen? Dürfen sich die Fans bei der EM 2024 trotzdem auf ein Panini-Heft freuen, nur eben nicht als offizielles Album der Uefa?

Paul: Ich erinnere mich an einige frühere EM- und WM-Turniere, bei denen Panini nicht über alle Lizenzrechte der teilnehmenden Fußballverbände verfügte. Trotzdem waren wir in der Lage, eine Stickerkollektion herauszugeben mit allen Mannschaften und Spielern. Bedauerlicherweise haben wir zwar nicht die Rechte von der Uefa zur EM 2024, könnten aber dennoch eine interessante und innovative Kollektion anbieten. Es wäre dann ohne Uefa-Abbildungen. Wie heißt es so schön bei uns: Nach der WM ist vor der EM, Sie werden davon hören und lesen.

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