Kurzgeschichte (mit Podcast)

"Nur eine halbe Stunde" von Horst-Dieter Radke

Den Krieg hat die Mutter überlebt. Der Krankheit wird sie nicht entkommen können. Am Sterbebett macht sich ihr Sohn Gedanken über gegangene Wege - und versäumte. Doch manche Antwort kennt allein die Zeit

Von 
Horst-Dieter Radke
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© istock

Der Arzt war gegangen, die Bettnachbarin mit ihren Verwandten fort. Ich saß allein bei meiner Mutter und hielt ihre Hand. Sie sprach nicht, und auch mir war nicht nach Reden zumute. Dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, war mir - uns allen - inzwischen klar. Ihr auch. Wir freuten uns über jeden ihrer klaren Augenblicke und nahmen betrübt zur Kenntnis, dass diese immer seltener wurden.



Und dann lag plötzlich - ungerufen - ihr ganzes Leben vor mir ausgebreitet, so als hätte irgendjemand über den Tisch gewischt, es damit herbeigezaubert und gesagt: „Da hast du es!“ Es war ein Moment, der Bruchteil einer Sekunde, und trotzdem war alles, von dem ich wusste, auf einmal da. Ich griff zu, sofort, ohne zu zögern, und die Zeit zoomte zurück an den Anfang des Jahres 1945, nach Ermland-Masuren in den Ort Sternsee, nahe Bischofsburg. Kurz blitzen ihre Kindheitserinnerungen auf, das Erlebnis, beim Schliddern auf dem Eis eingebrochen zu sein, die erste Begegnung mit einem Automobil, aber das flog schnell vorbei, und ich schmeckte den Schnee und die Angst, die sie damals gespürt und gelitten hatte, als der Krieg zu Ende ging und jeder, der konnte, aus der Heimat floh.

Der Wagen war bereits beladen, das Pferd angeschirrt. Es stand stampfend und schnaubend in der Kälte. Der Vater lief aufgeregt aus dem Haus und retour, ein wenig hinkend - das hatte ihn zurückgehalten, von der Front, dass er damals unter die Kutsche geriet auf der Chaussee - und murmelte wieder und wieder: „Wo der Friedel nur bleibt?“ Lisbeth stand am Fenster, ihre Mutter saß still in ihrem Lehnstuhl und seufzte: „Wird schon noch kommen!“ Sie hatte ihren Teil der Arbeit getan, gepackt und geschnürt, was mitzunehmen war, Proviant zusammengestellt und in Körbe verteilt. Nun saß sie fast bewegungslos da, und es wurde ihr nach und nach bewusst, was alles zurückbleiben musste. An Geschütz- und Gewehrdonner bereits gewöhnt, beunruhigte sie augenblicklich nur die bevorstehende Flucht ins Ungewisse. Gut, dass Gertrud schon fort war. Ihre ältere Tochter war nicht so kräftig wie Lisbeth - und wer wusste, was ihnen noch bevorstand.

„Erzähl mir was“

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Ein Nachbar schaute herein. „Seid ihr noch da? Alois? Macht, dass ihr fortkommt. Wollt ihr warten bis der Russ’ hier ist?“

„Friedel ist noch nicht zurück!“, gab der Vater erregt zur Antwort.

„Wird auch nicht mehr kommen“, drängte der Nachbar. „Wie denn auch? Entweder hat ihn der Russ’ schon, oder er kommt nicht mehr durch. Jeder muss jetzt sehen, dass er fortkommt. Werdet ihn schon später wiederfinden, wenn er noch lebt.“ Damit verschwand er. Man hörte draußen noch das laute „Hüh!“ und „Satansgaul!“, das Quietschen der Räder, und dann war es wieder still im Haus. Der Vater hatte aufgehört herumzulaufen. Wenn er noch lebt? Was soll das denn heißen? Er sah Mutter und Tochter fragend an.

„Wollen wir fahren? Friedel ist ein großer Junge und weiß schon, was er zu tun hat.“

Die Mutter antwortete nicht. Vater wird’s schon recht machen und der Junge war wirklich selbstständig.

„Nein, wir warten auf Friedel!“, sagte Lisbeth bestimmt. „Wir fahren nicht ohne ihn; er würde auch auf uns warten.“

Der Vater sah sorgenvoll nach draußen und dann auf die Uhr.

„Eine halbe Stunde! Eine halbe Stunde warten wir noch - dann müssen wir los.“ Er ging hinaus, um das Pferd mit Stroh abzureiben und eine Decke überzulegen.

„Wird schon kommen!“, sagte die Mutter. „Wird schon kommen.“ Die Tochter biss sich sorgenvoll auf den Zeigefinger.

Als ein Flugzeug dicht und laut über den Hof flog, zuckten alle zusammen. Der Vater hatte Mühe, das Pferd zu beruhigen und kam, als er es geschafft hatte, aufgeregt in das Haus.

„Wir müssen los, wir haben keine Zeit mehr!“

„Du hast gesagt, eine halbe Stunde“, schrie sie. „Er gehört zu uns, er gehört zu unserer Familie. Wir dürfen ihn nicht im Stich lassen.“

„Was nützt es ihm, wenn wir hier festsitzen. Weißt du, wo er jetzt ist?“, erwiderte er heftig.

„Du hast es gesagt! Eine halbe Stunde!“

Er sah auf die Uhr. Noch eine gute Viertelstunde. Kaum konnte er die Unruhe dämpfen. Aber es stimmte. Er hatte es gesagt, und was er seiner Lisbeth gesagt hatte, das hielt er auch. Damals, als er ihr die Nähmaschine versprochen hatte und dann die Ernte nicht reichte, da ging er in die Fabrik und verdiente das Geld dazu. Und dann stimmte es auch, was sie sagte. Sein Sohn gehörte natürlich zur Familie. Er liebte sie alle, auch Gertrud. Gott sei Dank, dass sie nicht mehr hier war. Sicher war sie schon aus Königsberg fort und in Sicherheit. Sie hatte schon vor ein paar Wochen geschrieben, dass sie ins Reich fortgehen wolle. Wer weiß, ob sie diese Flucht - im kalten Januar übers Land, wer weiß wohin und wie weit und wie lange - durchgestanden hätte. Gott sei Dank, dass er sich darüber keine Gedanken machen musste. Oder doch? Eine Nachricht von ihr war ja seit diesem Brief nicht mehr gekommen. Es funktioniert alles nicht mehr, wie es soll in diesem vermaledeiten Krieg, dachte er verbittert.

Der Autor: Horst-Dieter Radke

 

  • Horst-Dieter Radke, 1953 in Hamm/Westfalen geboren, ist Wirtschaftsinformatiker, er studierte Betriebspädagogik in Landau/Pfalz.
  • Seit 1982 lebt er im Taubertal, war seit 2004 frei beruflich tätig als Lektor, Autor und Projektentwickler, seit 2018 ist er Rentner.
  • Wenn er nicht liest oder schreibt, ist er mit dem Rad unterwegs oder mit Frau und Freunden wandern. Außerdem fotografiert er gern – auch analog.

Er lief in den Schuppen, wühlte in einer Ecke und wählte einiges an Werkzeug aus. Mag sein, das manches noch zu gebrauchen sei unterwegs, wenn der Wagen Schaden litt. Er stopfte es sicher unter den Sitz, aber so, dass es schnell zu erreichen war. Er überlegte, den Rest in den Teich zu werfen, damit der Russ’ es nicht bekommt, ließ es dann aber. Etwas wegzuwerfen war ihm immer schon schwergefallen. Schließlich ging er wieder ins Haus und sah auf die Uhr. Noch fünf Minuten. In der Nähe schlug irgendetwas ein. Das Haus zitterte, die Scheiben klirrten. „Macht euch fertig!“, sagte er leise.

„Aber es ist noch nicht …“ Lisbeth konnte den Satz nicht beenden. „Macht euch fertig!“, unterbrach er sie energisch. „Wir fahren nicht früher - aber auch keine Minute später. Ich will euch gleich auf dem Wagen sitzen sehen. Du, Lisbethche, nimmst die Zügel. Ich gehe nebenher - zumindest die erste Zeit.“

Die Mutter erhob sich und trat vor das Kreuz und das Marienbild, bekreuzigte sich und nahm den Arm ihrer Tochter. Als sie sich zur Tür wandten, stand dort der russische Soldat, der, ohne ein Wort zu sagen, mit dem Gewehr in das Haus wies. Die Flucht war zu Ende, bevor sie begonnen hatte.

„Um eine halbe Stunde zu spät!“, seufzte der Vater.

Sie schlief jetzt. Langsam ließ ich ihre Hand los und stand auf, konnte aber noch nicht gehen. So schnell sprangen die Gedanken nicht in die Zeit zurück, wie sie hinausgefunden hatten. Gesprächsfetzen, die ich als Kind aufgefangen hatte, kamen mir wieder in den Sinn. Über die vagen und unvollständigen Berichte ihrer Zeit in russischer Gefangenschaft und die Rückkehr Anfang der fünfziger Jahre, als sie kaum noch lebensfähig, für die Russen aber nicht mehr arbeitsfähig war. Ein Glück, dass sie gehen durfte und nicht irgendwo im Ural verscharrt worden ist. Ich erinnerte mich an oft erzählte Geschichten, etwa über das Wiederfinden der Schwester und die Ausreise des Vaters, nachdem die Mutter in der Heimat gestorben war. Ich selbst, damals kaum fünf Jahre alt, stand eines Tages einem alten Mann gegenüber, der in einem seltsamen Dialekt zu mir sprach und mir fremd war. Der mich Lorbass nannte, das sollte mein Großvater sein? Mein Bruder, der kurz vor seiner Ankunft geboren war, musste nicht erst fremdeln, um ihn kennenzulernen.

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Die Enkelkinder, die spät kamen, machten Mutter umso glücklicher. Dann der siebzigste Geburtstag - groß gefeiert und ein wenig glücklich darüber, doch noch so weit gekommen zu sein, kurz danach der offene Ausbruch der Krankheit und nun das nahe Ende hier im Krankenhaus im weißen Bett. Dazwischen zwei Jahre Kampf mit einer Krankheit, die nicht zu gewinnen war, nicht mit der Last dessen, was sie aus dem Krieg und der ersten Zeit danach mitgebracht hatte.

Es hätte auch im Schnee sein können, dachte ich im Hinausgehen, vor über vierzig Jahren, auf der Flucht, wie es Tausende getroffen hatte, die noch rechtzeitig aufbrechen konnten, aber dann nie ankamen, etwa auf dem Haff, wo viele unter Beschuss im eiskalten Wasser ertranken. War es schlecht, dass Friedel nicht kam - oder war es die Rettung? Haben hier unsichtbare Bande die Familie gehalten und geschützt und gesichert, und war all die Not, die darauf folgte, nur die bessere Hälfte der Medaille? Von Friedel hatten Sie nie mehr etwas gehört. Sie hatten gesucht - suchen lassen, durch das Rote Kreuz - fast drei Jahrzehnte lang. Jede kleine Hoffnung, die dann und wann auftauchte, zerstob immer wieder. Irgendwann in den Siebzigern gaben sie das Suchen auf.

„Nur eine halbe Stunde!“, murmelte ich im Hinausgehen und beschloss in Zukunft, die Klagen über Versäumnisse nicht mehr voreilig und zu kurzsichtig zu äußern.

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