Kurzgeschichte (mit Podcast)

"Wilhelm, Burger und Weiß" von Stephan Sabel

Drei Soldaten sind tot. Und Oberleutnant Norbert Graf hat die Aufgabe, ihren Familien die Nachricht zu überbringen. Doch wie kann man das Mitgefühl für einen solch schweren Verlust in Worte fassen?

Von 
Stephan Sabel
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© istock

Der Zug war beinahe pünktlich angekommen. Erstaunlich, dass man in den kleinen Städten im Landesinnern noch immer wenig davon sah, dass sich das Land seit fast vier Jahren im Krieg befand. Drei Stunden Zugfahrt, und durch die Fenster hatte ich während der ganzen Fahrt keine zerstörten Gebäude oder Bombenkrater sehen können. Auf den Feldern wurde gearbeitet, in den Städten gingen die Menschen ihrem Alltag nach. In Frankreich, an der Front, sah es anders aus. In der Bahnhofsbuchhandlung besorgte ich mir einen Stadtplan. Es waren nur etwa zehn Minuten Fußweg zum Wohnhaus der Wilhelms. Ein kurzer Spaziergang, um meine Gedanken zu ordnen, kam mir recht. Als ich von der Hauptstraße abbog, führte mein Weg an einem schmalen Bach entlang. Spielende Kinder, der Duft blühender Sträucher, sogar Parkbänke. Alltägliches Leben.

Ich hatte an der hölzernen Haustür geklopft. Erst zögerlich, dann ein zweites Mal deutlich kräftiger. Jetzt gab es keine Ausflüchte mehr. Es war meine Pflicht als Vorgesetzter, da musste ich durch. Eigentlich wollte ich mich aber umdrehen, weggehen und so tun, als hätten diese Haustür und die Menschen in diesem Haus nichts mit mir zu tun. Als gäbe es gar keinen Grund dafür, dass ich jetzt vor dieser Tür stand.



Auf der anderen Seite der Haustür waren Schritte zu hören. Schritte eines alten Menschen. Oder eines Menschen, den Geschehnisse und Erlebnisse vorzeitig hatten altern lassen. Eine Frau in den Sechzigern öffnete die Tür einen Spalt breit, der Blick voller Misstrauen. Ihre Blicke musterten meine Uniform. Die Schirmmütze, die Koppel, hinunter zu den Schuhen der Ausgehuniform und wieder nach oben.

„Guten Tag, mein Name ist Norbert Graf. Oberleutnant Graf. Wohnt hier eine Familie Wilhelm?“, fragte ich, um eine möglichst ruhige Stimmlage bemüht. Sie bejahte, im ersten Stock links wohnen die Wilhelms. Sie ließ mich ins Haus und ich stieg die Treppe hinauf. Als die Frau in ihre Erdgeschosswohnung zurück schlich, hörte ich kein Einrasten der Wohnungstür. Sie lauschte also, was ich den Wilhelms zu sagen hatte. Ich kümmerte mich nicht darum. Meine Mutter war im gleichen Alter, sie hätte auch gelauscht.

Der Geruch im Treppenhaus war mir vertraut: gekochter Kohl, Briketts, Bohnerwachs. Der deutsche Mietshausgeruch. Das war auch der Geruch meiner Kindheit und Jugend gewesen, ich war in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mit zwei Geschwistern, den Eltern und den Großeltern väterlicherseits in einer Dreizimmerwohnung. Platz für einen selbst nur in den Gedanken, in die man aus dieser beklemmenden ständigen Enge entfloh.

Wilhelm hatte vermutlich eine ähnliche Jugend wie ich gehabt. Aber dann kam bei ihm nicht mehr viel. Er ist nur dreiundzwanzig geworden, dann war für ihn Schluss gewesen. Ich lebte noch. Und ich war mir jetzt, nach diesen Erlebnissen, sicher, dass ich den Krieg überleben würde. Hätte ich sterben sollen, wäre ich jetzt schon tot. Eine bessere Gelegenheit würde der Tod so schnell nicht mehr bekommen. Bei Wilhelm, Burger und Weiß hatte er die Gelegenheit genutzt. Nur Friedl und ich lebten noch.

Ich wusste von keinem Mitglied unserer Besatzung genau, wie er zum Krieg oder zur Partei stand. Über so etwas redeten wir nicht. Aus Vorsicht, aus Desinteresse. Die Dinge waren, wie sie waren. Ich für meinen Teil wollte schlicht überleben, dann, wenn alles vorbei war, zurück zu meiner Frau und unserem Richard. Und dann all das hier einfach verdrängen. Vergessen wäre noch besser, aber das war kaum möglich. So viel war mir klar.

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Wir waren mit der ganzen Staffel in starken feindlichen Beschuss über Orléans geraten. Das war nicht zum ersten Mal passiert. Bei praktisch jedem Feindflug gerieten wir in Flakbeschuss. Nicht, dass man sich daran gewöhnte. Dazu wusste man auch zu genau, dass jeden Moment alles zu Ende sein konnte. Die Angst, die Panik, je nachdem, wie nahe jeder Einzelne die Dinge an sich heranließ, war immer da. Aber diesmal hatte die Maschine Feuer gefangen. Erst, als ich die Ju auf den Boden gebracht hatte, keine Ahnung, wie mir das gelungen war, sah ich, wie zersiebt der komplette Rumpf des Flugzeugs war. Voller Einschusslöcher, teilweise richtiggehend zerfetzt. Ein Wunder, dass sie sich überhaupt noch hatte manövrieren lassen.

Weiß und Burger lagen tot in ihren Sitzen. Weiß von Schrapnellen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Burger hatte tatsächlich nur ein Granatsplitter getroffen. Der hatte ihm aber die Halsschlagader aufgerissen, er war verblutet. Und Wilhelm war schlicht nicht mehr da. Die Bodenwanne, in der er als MG-Schütze gelegen hatte, war zerborsten. Anstelle der Bodenwanne fand sich nur noch ein großes Loch im Flugzeugrumpf. Wilhelm war in die Tiefe gestürzt, aus über tausend Metern Höhe. Angeblich verliert man im Sturz das Bewusstsein. Ich hoffe es für ihn. Vielleicht war er auch schon tot, bevor er fiel. Letztlich machte es auch nur für ihn einen Unterschied. Ich selbst hatte erst nach der Landung bemerkt, dass mein Kopf völlig blutverschmiert war. Splitter hatten mich links am Schädel getroffen. Die Narben würden mir vermutlich bleiben. Gezeichnet fürs Leben, äußerlich, innerlich. Als einziger war Friedl körperlich beinahe unversehrt geblieben. Er war jetzt mit seiner Frau und den beiden Töchtern zur Erholung an der Ostsee. Vermutlich humpelte er ein wenig am Strand, wenn er seinen Mädchen hinterherlief. Eine lose Metallstrebe hatte ihm bei der Landung den rechten Fuß eingeklemmt.

Der Autor Stephan Sabel

  • Stephan Sabel wurde 1966 in Bad Kreuznach geboren, seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Straubing / Niederbayern.
  • Sabel ist Bibliothekar an der Hochschule Worms. In Regensburg macht er eine Ausbildung zum Buchhändler, in Hannover studierte er „Wissenschaftliches Bibliothekswesen“.
  • Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Seine Hobbys: Radfahren, Kino, (Innen-)Architektur.

Ich erreichte die Wohnungstür. Ein Messingschild mit Gravur: „Albert Wilhelm“. Ein gediegener erster Eindruck war Herrn Wilhelm offensichtlich wichtig. Ich klopfte. Nach etwa zehn Sekunden öffnete mir ein Mann Ende vierzig. Auch er musterte meine Uniform, überprüfte an meinen Schultern meinen Dienstrang. An seinen Augen erkannte ich, dass ich eigentlich gar nichts sagen musste. Ihm war sofort klar, was ich zu sagen hatte. Seine Frau kam ebenfalls an die Tür: „Albert, was ist?“ Auch sie sah mich an und verstand augenblicklich, warum ich gekommen war und was ich mitzuteilen hatte. Ihre Gesichtszüge durchliefen mehrere Gefühlsregungen innerhalb des Zeitraums von kaum einer Sekunde. Dann fand sie ihre Beherrschung halbwegs wieder. Ihre Hand tastete nach der Hand ihres Mannes. Der war zu versteinert, um ihren Händedruck zu erwidern. Ich hatte mich so darauf konzentriert, beherrscht und mit fester Stimme zu sprechen, dass ich Wilhelms Eltern jetzt geradezu anblaffte: „Guten Tag! Ich bin Oberleutnant Graf. Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Sohn fürs Vaterland gefallen ist.“ Es war dieser Satz, den ich auf dem Weg hierher sicher hundert Mal geübt hatte. Der Satz, von dem ich wusste, dass ich ihn irgendwann mal irgendeinem Elternpaar oder einer Ehefrau, einer Verlobten würde sagen müssen. Er klang in diesem Augenblick völlig sinnfrei. Nur hohle Worte, Geschwätz. Ich stand vor den Eltern eines jungen Mannes, den es jetzt nicht mehr gab, dessen Leiche nicht mal mehr beerdigt werden konnte, und ich faselte irgendwelchen Unsinn vom Heldentod fürs Vaterland. Ich wusste nicht, wohin ich blicken sollte. Kaute auf meiner Unterlippe.

„Vielen Dank, dass Sie uns die Nachricht persönlich überbracht haben. Meine Frau und ich wären jetzt gerne allein.“ Wilhelms Vater nickte mir zu, er rang um Fassung. Ihm war anzusehen, dass er die Tür schnell schließen wollte, bevor er die Beherrschung verlor. Die Tür fiel ins Schloss, ich atmete durch. Auch ich war froh, dass die Tür wieder geschlossen war.

Noch einige Sekunden stand ich vor der geschlossenen Wohnungstür und versuchte, mich zu sammeln. Ich fühlte mich völlig erschöpft, obwohl die ganze Situation kaum eine Minute gedauert hatte. Gedämpft war durch die Tür Schluchzen zu hören. Als ich die Treppe hinunterstieg, wurde mir bewusst, dass praktisch alle Hausbewohner das Gespräch mitverfolgt hatten. Was sie dabei dachten, ob sie mitfühlten oder einfach nur froh waren, dass nicht sie ihr Kind verloren hatten? Das war nicht mein Problem. Mein Problem war, dass für mich noch die Besuche bei den Familien von Burger und Weiß anstanden.

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