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1,122 Millionen Menschen das Trinkwasser versauen

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Zu den Artikeln „Grundwasserschutz als höchstes Gut“ (SZ-Ausgabe vom 25. Juli) und „Auch Stadtwerke Speyer und Schifferstadt wollen Lithium fördern“ (SZ-Ausgabe vom 9. August) wird uns geschrieben:

Was hat eine 24-Stunden-Ameise mit Politik zu tun? Na ja, die Lebenszeit der Ameise ist wesentlich länger als die Gültigkeit der Aussagen mancher Politiker. Am 22. Juli war ich bei dem Treffen im Entenpfuhl dabei.

Hier wurde ja folgende Aussage getätigt: „Das ,grandiose Gebiet’ hier versorge Zehntausende Menschen mit Wasser … in der Schutzzone wäre das Vorhaben nach dem Wassergesetz Baden-Württemberg sowieso unzulässig, weil es das Wasserschutzgebiet Schwetzinger Hardt gefährdet.“

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Veröffentlicht
Von
Jürgen Gruler
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Im gleichen Artikel plädiert man für die Tiefengeothermie: „Die Geo Hardt GmbH als Tochtergesellschaft von MVV und EnBW strebt eine Förderung von heißem Wasser aus der Tiefe an. Baumann sieht geeignete Bereiche für eine Nutzung von Erdwärme in der Region. Zwischen drei und fünf Werke für die Wärmeversorgung könnten es hier schon sein, so plädierte er für die Geothermie.

Es sind nicht Zehntausende Menschen, die hier mit Wasser versorgt werden. Nimmt man den Rhein-Neckar-Kreis und die beiden großen kreisfreien Großstädte Mannheim und Heidelberg mit hinzu, dann sprechen wir hier von der Trinkwasserversorgung für zirka 1,122 Millionen Menschen. Das Trinkwasser aus der Schwetzinger Hardt beziehungsweise das im Reilinger Wasserwerk eingespeiste Trinkwasser hat eine derart hohe Qualität, dass lediglich Filter für das Ausfällen des Eisens eingesetzt werden müssen. Die genannten Großstädte benötigen einen guten Teil dieses hervorragenden Trinkwassers, um es mit ihrem „höher belasteten“ Trinkwasser zu verschneiden, damit es als Trinkwasser in deren Systeme eingespeist werden kann. Auch diese Aussage wurde im Entenpfuhl getroffen und ist nicht auf meinen Mist gewachsen.

Schaut man sich jetzt die Berichterstattung in den letzten beiden Wochen in der Schwetzinger Zeitung und Hockenheimer Tageszeitung an und geht mit wachem Verstand und offenen Augen durch die Natur, dann kann man sich nur wundern, dass in einen solch wichtigen Trinkwasserspeicher bis zu fünf Geothermiekraftwerke aufgebaut werden sollen.

Es vergeht ja kein Tag, an dem wir nicht gezeigt bekommen, wie wichtig das Wasser für uns und die Natur ist und wie rar es sich im Augenblick beziehungsweise seit Jahren macht.

Es geht hier ja nicht um die Gewinnung von Strom und Nah- beziehungsweise Fernwärme alleine. Hier ergeben sich für den Oberrheingraben bereits genug Risiken, die schon ausführlich geschildert wurden. Nein, man setzt noch einen drauf. Die Begehrlichkeiten, die in eine sogenannte Goldgräberstimmung münden, heißt Lithium beziehungsweise Lithiumhydroxid. Man argumentiert jetzt damit „klimafreundlicher“ werden zu wollen, wenn man das neue „weiße Gold“ direkt vor der Haustür fördert.

15 Millionen Tonnen Lithium sollen hier schlummern. Durch was werden diese denn ersetzt, wenn man sie aus der geförderten Sohle entnimmt? Durch Luft und Liebe bestimmt nicht. Eventuell Trinkwasser, das der zurücklaufenden Sohle beigemischt wird? Ich weiß es nicht. Jedenfalls muss aus meiner Sicht hier etwas wieder mit eingespeist werden.

Ansonsten fehlt doch was im Untergrund. Man möchte ja, soweit ich es verstanden habe, nicht mit höheren Drücken arbeiten. Hinzu kommt auch noch der Wasserbedarf, um das Lithium weiterzubearbeiten.

Mir ist klar, dass wir Energie benötigen. Aber wir reden von der Zeitenwende. Es wird schon wieder das nächste Bedrohungsszenario aufgebaut. Unser Wohlstand ist in Gefahr. Glauben wir wirklich, dass wir vernünftige und fundierte Entscheidungen treffen können, wenn wir uns nur von bedrohlichen Szenarien durchs Leben hetzen lassen. Angst war noch nie ein guter Ratgeber.

Vielleicht heißt Zeitenwende mal wirklich einen oder zwei Schritte zurückzutreten, damit man mal wieder die Gesamtsituation erfasst. Seit Fukushima hat man geschlafen und jetzt auf einmal verfällt man in operative Hektik. Auch weil man durch den Ukraine-Krieg wieder getrieben wird. Fast muss man sich bei dem Despoten Putin noch bedanken, dass er uns den Gashahn zudreht. Das ist natürlich Blödsinn. Aber es ist eben unsere Misere. Die Lobbyisten stehen schon wieder in den Startlöchern. Bei über zehn Millionen Menschen in Deutschland, die am unteren Ende der Skala leben, von der Gefährdung des Wohlstandes zu reden, ist wohl einfach unverschämt. Wie ist denn unser Wohlstand definiert und auf was baut er auf?

Wenn man sich hierüber mal einige Gedanken macht, wird man schnell an Punkte kommen, die einen beschämen. Aber dies wäre schon wieder ein Thema für einen weiteren Leserbrief.

Nur noch eins – und das ist mir bei der Betrachtung der betroffenen Einwohnerzahl in den Sinn gekommen. Möge die Geothermie im Oberrheingraben und unserer Region nicht zu einem Eleven Twenty Two werden. Denn ohne Trinkwasser brauchen wir auch keine Mobilität.

Uwe Wacker, Hockenheim

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