Klärwerk - Aufrüstung mit vierter Reinigungsstufe in Vorbereitung / Umsetzung vor gesetzlicher Verpflichtung / Vor allem Arzneimittelreste besser eliminieren / Bald auch größeres Regenüberlaufbecken Millionen für saubereren Kraichbach investieren

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Volker Widdrat
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Betriebsleiter Sören Troffer (l.) und Marcus Held vom Fachbereich Bauen und Wohnen stehen am großen Nachklärbecken der Anlage. © Norbert Lenhardt

Die Kläranlage für Hockenheim und Reilingen zählt in Baden-Württemberg zu den Klärwerken mittlerer Größe, sie erfüllt hohe Sicherheits- und Umweltstandards bei der Abwasserreinigung, erklärt der Betreiber, die Stadt. Arzneimittelwirkstoffe, Röntgenkontrastmittel, Körperpflegeduftstoffe, Biozide, verschiedenste Chemikalien und hormonähnliche Wirkstoffe werden Tag für Tag dem Abwasser auch über das gereinigte Abwasser in den Vorfluter geleitet, da diese mit den vorhandenen Reinigungsstufen nur geringfügig eliminiert werden können. Mit einer vierten Reinigungsstufe lassen sich diese Spurenstoffe, die nachteilige Wirkungen für Organismen haben und mittlerweile in nahezu allen Oberflächengewässern zu finden sind, noch wirkungsvoller entfernen. Deshalb soll jetzt auch die Kläranlage im Mörscher Weg auf diese weitergehende Reinigungsstufe zur Eliminierung von Spurenstoffen umgerüstet werden.

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„Wir machen das auf freiwilliger Basis und unter dem Gesichtspunkt der Vorsorge“, sagte Betriebsleiter Sören Troffer bei einem Rundgang mit unserer Zeitung. Das baden-württembergische Umweltministerium fördert sowohl die Kosten für eine Machbarkeitsstudie zu 50 Prozent als auch die Maßnahme selbst mit maximal 80 Prozent. Deshalb wolle man die Zuschüsse gerne in Anspruch nehmen.

Spurenstoffe können „in sehr niedrigen Konzentrationen nachteilige Wirkungen auf die aquatischen Ökosysteme haben“, erläutert das Kompetenzzentrum Spurenstoffe Baden-Württemberg in einer aktuellen Broschüre als eine Handlungsempfehlung für Kommunen. Der Arzneimittelverbrauch in der Bevölkerung sei in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen, vor allem, weil die Gesellschaft immer älter wird.

Arzneimittel schädigen Organismen

Spurenstoffe wirken im Wasser im Mikrogramm-Bereich. Manche Substanzen rufen selbst in geringen Konzentrationen langfristige Schäden an Organismen, die im Gewässer leben, hervor. Hormone beispielsweise sorgen sogar dafür, dass männliche Fische unter dem Einfluss dieser Stoffe verweiblichen. Der Arzneimittelwirkstoff Diclofenac zum Beispiel wird in einer konventionellen Kläranlage nur zu etwa 25 Prozent abgebaut, das hat eine Studie des Kompetenzzentrums Spurenstoffe ergeben.

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„Es liegt uns vor allem daran, dass diese Verbindungen erst gar nicht in die Gewässer gelangen“, führte Troffer aus. Mit der bisherigen mechanischen und biologischen Reinigung funktioniere das eben nur begrenzt. Der wirkungsvolle Schutz von Gewässern rechtfertige diese Investition in die Zukunft, meinte der Betriebsleiter. Über die Kosten von rund vier Millionen Euro für eine vierte Reinigungsstufe müsse der Gemeinderat entscheiden.

Früher Start sichert Fördermittel

Die Vorplanungen für die Baumaßnahme – unter anderem ein zusätzliches Absetzbecken, eine Dosiereinrichtung für Pulveraktivkohle und eine neue Filtration – liefen demnächst an, erklärte Marcus Held vom Fachbereich Bauen und Wohnen. Irgendwann würde der Ausbau ja ohnehin verpflichtend werden, da wolle Hockenheim bei der Vergabe der Fördermittel gleich dabei sein.

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Die Behandlung von Abwasser unterliege komplexen Regelungen, verweist Troffer auf die Bereiche Gewässerschutz, Anlagenbetrieb und Qualitätsüberwachung. Die kommunale Kläranlage, die das gereinigte Wasser dem Kraichbach zuführt, kostet viel Geld, immer wieder auch für bauliche Maßnahmen sowie die Maschinentechnik.

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Und die Anlage frisst jede Menge Strom. Rund 330 000 Euro Energiekosten schlagen jährlich zu Buche. Mit einer energieautarken Kläranlage könnten Strom und Abwärme selbst erzeugt werden, erläutert Troffer.

Bei der Einrichtung einer vierten Reinigungsstufe würden sich die zusätzlichen Ausgaben für die Bürger in Grenzen halten, rechnete er vor. Die Studie prognostiziere etwa vier bis zehn Prozent des jährlichen gesamten Gebührenaufkommens. Der Betriebsleiter bittet die Bürger um eine ordnungsgemäße Entsorgung von Problemstoffen. Medikamentenwirkstoffe gehörten ohnehin nicht in die Toilette, sondern in die Abfalltonne.

Neben der vierten Reinigungsstufe steht in etwa zwei Jahren noch eine weitere Investition an. Die Abwasserreinigung, das heißt die Schmutzfrachtreduzierung in das Gewässer, soll dringend verbessert werden. Dazu muss das Regenüberlaufbecken um 2200 Kubikmeter Fassungsvermögen vergrößert werden. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund drei Millionen Euro.

Gewässer sehr belastet

„Der Kraichbach ist sehr belastet“, führte Troffer aus. Das Problem, dass auf dem Fließgewässer in Richtung Altrhein an manchen Stellen manchmal eine Schaumbildung entstehe, könnte mit einer vierten Reinigungsstufe eventuell ebenfalls gelöst werden. Das gereinigte Abwasser sei nicht aufgrund von Betriebsproblemen in der Kläranlage belastet.

Anfang vergangenen Jahres waren im Land 16 Kläranlagen mit einer Reinigungsstufe zur Spurenstoffelimination in Betrieb. Weitere Anlagen sind im Bau oder in Planung. Für die Kläranlage in Hockenheim, wo zwei Mitarbeiterteams auch in Corona-Zeiten rund um die Uhr ein Höchstmaß an Sicherheit garantieren, kann die neue Technik nur von Vorteil sein für die Menschen und das empfindliche Ökosystem.

Info: Mehr Bilder des Klärwerks unter www.schwetzinger-zeitung.de

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