Stadtgeschichte - Vor 270 Jahren wurde der imposante Bau fertig gestellt / Von der kurfürstlichen Kaserne bis zum Pferdelazarett / Nach einem Großband ist er seit 1924 in ziviler Nutzung Die wechselvolle Historie des Marstalls in Schwetzingen

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Andreas Lin
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Auf der Postkarte ist schon ein frühes Automobil zu sehen. Wo heute der Esprit-Laden ist, stand damals das Wachhäuschen. © Archiv

Schwetzingen. Der Marstall war in der vergangenen Woche Thema im Gemeinderat – es ging aber um den Hof, der früher der Exerzierplatz war. Den bekannten und imposanten Gebäudekomplex mitten in der Schwetzinger Innenstadt zwischen Carl-Theodor-, Friedrich- und Marstallstraße kennen die meisten Menschen, weil dort das Polizeirevier, die Turnhalle des Turnvereins 1864 oder mehrere bekannte Geschäfte untergebracht waren und sind. Die wenigsten aber wissen, dass der Bau des Marstalls vor 270 Jahren vollendet wurde.

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Bis 1918 diente das früher noch viel größere Anwesen als Kaserne – zwar mit Pausen, aber doch immer wieder. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde dort die letzte militärische Einheit, ein Pferdelazarett aufgelöst. Und 1926 wurde dann das erste Geschäft an der Carl-Theodor-Straße eröffnet.

Die wechselvolle Geschichte des Marstalls wird in dem von Karl Wörn herausgegebenen und von Volker Wörn zuletzt 2000 aktualisierten Standardwerk „Schwetzingen zur Jahrtausendwende“ ausführlich beschrieben.

Demnach wurde die katholische Kirche St. Pankratius erstmals 1744 als Garnisonskirche bezeichnet. Die Historie des Marstalls begann um 1750, als die neue Stadt um den Schlossplatz entstand. Damals begann der kurpfälzische Generalissimus Prinz Friedrich von Pfalz-Zweibrücken auf eigene Kosten mit dem Bau des neuen Marstalls, der 1751 fertiggestellt wird. Wie heute noch nachzuvollziehen ist, beanspruchte Prinz Friedrich dafür ein ganzes Stadtquadrat.

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Schon 1759 erwarb der Kurfürst das Gebäude für seine 500 Mann starke „Pfälzische Armee“, deren Führung in diesen Tagen aus einem Generalfeldmarschall, einem Generalfeldzeugmeister, neun Generalleutnanten und zehn Generalmajoren bestand. Nach dem Wegzug des kurfürstlichen Hofes nach München (1778) erlebte die Garnison erst wieder große Tage, als Schwetzingen 1793/94 zunächst Hauptquartier der kaiserlichen Armee unter Erzherzog Karl von Österreich und ab 1796 ebenfalls Hauptquartier des kurpfälzischen Heeres wurde.

Nachdem die napoleonischen Schlachten geschlagen und die rechtsrheinische Kurpfalz badisch geworden war, gab es 1803 in Schwetzingen zwei Kompanien zu 66 gemeinen und 17 chargierten Invaliden, die zu Wachdiensten zum Schutz der Schlossgebäude, der Kunstdenkmale und Gartenanlagen und leichten Arbeiten im Park abgestellt waren.

Major sagte „Schwetzbach“

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Doch schon 1804 zog die 3. Escadron des 1. Badischen Leibdragoner-Regiments Nr. 20 in die Marstallkaserne ein und blieb, bis sie 1806 nach Bruchsal verlegt wurde. Kommandeur Rittmeister Graf von Sponeck bezog seine Wohnung in der heutigen Hofapotheke (in der Hebelstraße), in der vor den Kriegen auch der Oberst der Garde zu Pferd logiert hatte. Es folgten 1814 bis 1815 die 4. Escadron des Dragoner-Regiments von Freystadt Nr. 1, 1819 bis 1824 zuerst die 5. und später die 4. Escadron des gleichen Regiments.

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Aus dieser Zeit berichtete ein gewisser Major Freiherr von Gise: „Schwetzingen – häufig Schwetzbach benannt – idyllische kleinste Kavalleriegarnison. 36 Kilometer beträgt die Entfernung von Bruchsal. Autos gab es nicht. Fernsprechanschluss hatte die Escadron auch nicht. Die Zugverbindung war miserabel, also war der Chef in Schwetzingen sich vollkommen selbst überlassen.“

Erst 1840 war dann in Schwetzingen wieder ein großes Manöver und ein Fürstentreffen. Kritisch wurde die politische Lage nach der Revolution 1848/49. Zur Sicherung der staatlichen Ordnung wurde im Marstall die 2. Escadron des Königlich Preußischen Ulanen-Regiments Nr. 6 von Bonin einquartiert.

Nach dem Abzug der Preußen 1856 folgten neun soldatenlose Jahre, bis 1865 die Schwarzen Badischen Dragoner zur Kriegsbereitschaft nach Schwetzingen verlegt wurden. 1866 inspizierte der badische Kriegsminister den ehemals kurfürstlichen Marstall und veranlasste, dass 1867 für die folgenden 20 Jahre das Rote Dragoner-Regiment Nr. 20 mit zwei Escadronen einzog.

Die Soldaten waren aber nicht überall gern gesehene Gäste in der Garnison. Ein Streitartikel in der lokalen Zeitung vom Oktober 1867 versuchte, die Argumente der Garnisonswidersacher zu entkräften, die behauptet hatten, Militär wirke sich nachteilig auf die Moral aus und vermehre die Bevölkerungszahl.

1887 bis 1890 kehrten dann die 2. und 5. Escadron des Dragoner-Regiments Nr. 22 zurück und ab 1890 bis zur Aufhebung der Garnison war hier die 4. Escadron des Gelben Dragoner-Regiments Nr. 21 stationiert. Sieben Escadronchefs hatte die Garnison in dieser Zeit. Besonders Rittmeister Freiherr Philipp Röder von Dierburg genoss von 1895 bis 1907 ein hohes Ansehen in Schwetzingen.

Hohe Ställe – niedrige Zimmer

Wie in der Zusammenfassung im Wörn’schen Buch nachzulesen ist, hatte die Marstallkaserne hohe Ställe, aber niedrige Zimmer. Besonders nach der Heeresvermehrung von 1913 mussten die Mannschaften in drei Betten übereinander schlafen. Unteroffizieren ging es besser, es gab sogar Verheiratetenwohnungen für die beiden Wachtmeister. In deren Nähe befanden sich das Schwadronsbüro, eine Handwerkerstube und die Kantine, daneben der Unteroffiziersspeiseraum. Die Schmiede war im Stall.

Die Offiziere wohnten allerdings außerhalb und hatten ihr „Kasino“ im Obergeschoss der „Schwarzen Backmuld“ in der Dreikönigstraße mit Verpflegung aus der Gasthausküche. Die Truppenversorgung der Mannschaften und Unteroffiziere wurde vom Küchenunteroffizier gewährleistet. Die Abendverpflegung bestand nur aus Kaffee – erst vor dem Krieg wurde sie besser. So mancher Dragoner bekam sein Nachtessen aber unentgeltlich bei Schwetzinger Familien.

Wegen der Schnakenplage hatten die Schwetzinger Dragoner im Sommer eine besondere Dienstplanung: 2 Uhr Wecken, 3 bis 5 Uhr Pferdeausbildung, 6 bis 9 Uhr Exerzieren, 10 Uhr Mittagessen, 11 Uhr Bettruhe, 16 Uhr Nachmittags- und Stalldienst, 21 Uhr Zapfenstreich. Innerhalb der Marstallkaserne konnte auf zwei großen Freiplätzen geritten werden, während die Reithalle dort lag, wo heute die Eisenbahnüberführungsbrücke steht. Fußdienst wurde auf den sogenannten Planken am Schlosseingang abgehalten, während zum Karabinerschießen zum Schießstand marschiert wurde. Aus Chronistenberichten ist auch zu erfahren, dass die Dragoner am Sonntag in Wandelhosen, hoher Sattelmütze, eigenem Lackgürtel und Degen sporenklirrend zuerst in den Schlossgarten und anschließend in eine der vielen Wirtschaften gingen.

1924 wütete ein Großfeuer

Im Ersten Weltkrieg starben 238 Schwetzinger Soldaten, 1918 wurde schließlich im Marstall die letzte militärische Einheit, ein Pferdelazarett, aufgelöst. 1924 vernichtete ein Großfeuer alle Stall- und Lagergebäude und den Remisenplatz an der Südseite des Marstallgebäudes. Gelände und Gebäude wurden ziviler Nutzung zugeführt.

Autor Stv. Redaktionsleiter + Lokalsportchef Schwetzinger Zeitung