Das sagen unsere Leser zur Umbenennung des Schwetzinger Rokokotheaters

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Das Schlosstheater ist das älteste Rangtheater in Europa. © St. Schlösser und Garten

Eine Stadt – ja eigentlich die ganze Region – entrüstet sich darüber, dass die Staatlichen Schlösser und Gärten das beliebte Rokokotheater in Pigage-Theater umbenennen wollen, vor allem aber darüber, dass vor Ort offensichtlich kaum jemand dazu befragt wurde. Auch die Leser dieser Zeitung bewegt das Thema Rokokotheater zutiefst.

Schon 1907 hieß es Rokokotheater

Die Ankündigung der Umbenennung des Schwetzinger Schlosstheaters von Rokokotheater in Pigage-Theater sowie die dazu gegebene Begründung der Geschäftsführung der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg fordern zum Protest heraus. Dass hier ein weltweit eingeführter und bewährter Name, sozusagen eine Marke, völlig sinnlos aufgegeben werden soll, wurde bereits festgestellt.

Ärgerlich sind Verfahren und Stil der Verwaltung. Die Öffentlichkeit wird vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne zuvor nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Ein allgemein wertgeschätzter Name, mit dem viele Schwetzinger und Gäste aus dem In- und Ausland glückliche Lebenserfahrungen und kulturellen Hochgenuss verbinden, soll durch Verwaltungsanordnung aus dem allgemeinen Sprachgebrauch getilgt werden. Haben diese Leute keine anderen Sorgen? Warum unterbleibt eine Bürgerbeteiligung mit öffentlicher Diskussion?

Den Initiatoren der Umbenennung scheint der Sachverhalt klar: Die nationalsozialistische Tageszeitung „Hakenkreuzbanner“ habe den Namen Rokokotheater eingeführt. Allein deswegen muss der Name verschwinden. Was soll durch eine Umbenennung verbessert werden? Würde heutigen Menschen bei Kenntnis der Namensgebung vor 85 Jahren die Lust auf künftige Theaterbesuche vergehen? Wären Werke von Gluck und Mozart deswegen unspielbar?

Eine simplere Lösung drängt sich auf, nämlich dass die Aufforderung aus Politik und Medien zum „Kampf gegen Rechts“ auch bei der Verwaltung Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg angekommen ist und dort seltsame Blüten treibt. Tatsächlich ist eine Einführung des Namens Rokokotheater durch die NS-Zeitung „Hakenkreuzbanner“ im Sinne einer Erfindung beziehungsweise erstmaligen Verwendung für das Schwetzinger Schlosstheater zu bestreiten.

Andere Zeitungen haben den Begriff Rokokotheater für das Schwetzinger Schlosstheater schon vor dem „Hakenkreuzbanner“ verwendet, so bereits die „Badische Presse“ aus Karlsruhe in einem lesenswerten Artikel vom 27. Mai 1907. Anlässlich der bevorstehenden Theaterrenovierung hat wiederum die „Badische Presse“ am 4./5. Juli 1936 in der Beilage „Badische Chronik“ geschrieben: „Rokokotheater im Dornröschenschlaf. Zukunftspläne um die Schwetzinger Schlossgartenbühne – ersteht das deutsche Rokokotheater?“ Auch die „Neue Mannheimer Zeitung“ hat am 25. März 1937 vom Schwetzinger Rokokotheater berichtet. Es steht also zu vermuten, dass da bereits der Name Rokokotheater weit verbreitet war.

Das „Hakenkreuzbanner“ hat den Namen Rokokotheater für das Schwetzinger Schlosstheater erstmals in seiner Ausgabe vom 5. März 1937 verwendet (siehe digitales Zeitungsarchiv „Marchivum“). Da war der Name Rokokotheater schon eingeführt.

Die weiter genannten Argumente der Würdigung Pigages und des Baustils sind sachlicher Art, überzeugen aber im Ergebnis nicht. Das Anliegen, den Baumeister Pigage zu ehren, ist löblich. Die Benennung eines öffentlichen Wettbewerbs, eines Preises oder eines Stipendiums für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Architektur oder der Gartenbaukunst wären wirksamer als eine Umbenennung des Theaters.

Das bauhistorische Argument, dass „aus heutiger Sicht“ wegen zu weniger Rokokoelemente der Name unpassend sei, ist gar nicht neu. Dies hat der Regierungsbaurat Hans Möhrle in seiner Abhandlung „Das Schwetzinger Schloß-Theater“ im Jahr 1937 schon ausgeführt, aber den Namen bedingt zugelassen, weil die bauliche Kernsubstanz des Zuschauerraumes und die Grundmauern aus der Zeit stammten (siehe Leopold/Pelker, Hofoper in Schwetzingen, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004, Seite 353). Nach Meinung des Leserbriefverfassers ist das Rokoko sichtbar an den geschwungenen Formen der Ränge, soweit diese an die „Rocaille“ genannte Form erinnern.

Weil das Theater in einer historisch als Rokoko bezeichneten Epoche erbaut wurde, von einem Hofstaat genutzt wurde, der nach der typischen Mode des Rokokos gekleidet war und nach den Sitten des Rokokos lebte, scheint mir das Festhalten an der etablierten Bezeichnung gut vertretbar. Ich schließe mit dem Appell an die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, den Schwetzingern und allen Freunden den Namen Rokokotheater nicht wegzunehmen.

Martin Baatz, Schwetzingen

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Der Besuch von Schlössern und Schlossgärten ist eine meiner größten Leidenschaften und das seit frühester Kindheit. Der Schwetzinger Schlossgarten und das Rokokotheater haben sich einen Namen gemacht. Die Schwetzinger Festspiele werden weltweit übertragen – live aus dem Rokokotheater. Für mich als kulturinteressierte Österreicherin ist das Rokokotheater ein Begriff.

Österreicher wissen beispielsweise auch, dass die Sissi-Filme nach einer Korrektur aller historischen Fakten nur noch eine Laufzeit von wenigen Minuten hätten. Anstatt das Rokokotheater wegen fehlender Rokokoelemente ganz umzubenennen, wäre es fein mit einer Gedenktafel über die Geschichte des Theaters aufzuklären, nämlich wann Rokoko-elemente übermalt wurden und warum. Den etablierten Namen sollte man aber keinesfalls aufgeben.

Dr. Martina Schuster, Zellerndorf (Österreich)

Geschäftsführerentscheidung?

Das Rokokotheater ist eine weit über die Grenzen von Schwetzingen hinaus international bekannte und beliebte Kulturstätte, die eine nicht unbedeutende Rolle spielt für die kulturelle Identität Schwetzingens und für das Stadtmarketing. Sehr befremdlich wirkt es da, wenn ein Geschäftsführer von Bruchsal aus verkünden lässt, er ändere da jetzt den Namen.

Die Begründungen, die er vorbringt, wirken mehr als befremdlich: Auf der einen Seite werden irgendwelche fadenscheinigen Nazi-Bezüge angeführt, um gleich klarzustellen, dass diese keine Belastung des Namens darstellen, also kein Argument für eine Umbenennung sind. Offenbar ist es also nur eine Erzählung, um irgendwie das Thema Drittes Reich in die Geschichte einfließen zu lassen.

Als einziges inhaltliches Argument wird angeführt: Das Rokokotheater ist vom Baustil her gar nicht Rokoko, was nun wirklich nichts ist, was jetzt just im Jahre 2022 von jenem Geschäftsführer aufgedeckt wurde, sondern Teil der Geschichte des Theaters ist – eine Geschichte, die eben erzählenswert ist.

Noch befremdlicher aber ist die Art und Weise der Entscheidungsverkündung, die aus heutiger Sicht genau genommen unpassend ist. Michael Hörrmann ist nämlich Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg und kein gesalbter Schlossherr von Gottes Gnaden. Er hätte gut daran getan, die Schwetzinger Bürger in solche Gedanken mit einzubeziehen.

Thomas Frank Hanisch, Schwetzingen

Pigage kennen doch nur Insider

Nach meiner Überzeugung ist die Umbenennung nicht gerechtfertigt. Weltweit ist dieses Haus unter dem Namen Rokokotheater bekannt. Pigage kennen ausschließlich Insider. Die Verwaltung Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg sollte sich das mal zu Gemüte führen. Ich denke, dass sich dieser Name für nicht frankophile Menschen auch einfach nicht gut aussprechen lässt.

Denken Sie nur mal an die Aussprache der Kurpfälzer respektive Schwetzinger. Ich überlasse es Ihrer Fantasie, wie sich das anhört. Man sollte doch die Kirche im Dorf lassen.

Rolf Gärtner, Mannheim

Wir haben wichtigere Themen

In der heutigen Zeit erscheint es fast seltsam, dass die Benennung eines Theaters zu solcher Entrüstung führt: Wir haben wichtigere Themen! Wohl wahr, wir haben gerade eine Pandemie erlebt, wir sind mitten in einer Energiekrise, es herrscht Krieg in Europa und der Klimawandel ist eine weitere historische Herausforderung, vor der wir stehen.

Was kümmert uns da die Umbenennung eines Theaters, kann man sich fragen. Nun, zum einen führt die Umbenennung zu einem Aufwand, den das nach sich zieht: Sowohl digital als auch in Printprodukten müsste so eine Umbenennung vollzogen werden, ein bekannter Markenname würde verloren gehen und müsste neu beworben werden. Das kostet Zeit, Geld, Energie – und: Wir haben wichtigere Themen!

Zum anderen gibt es keine zwingenden Gründe für eine Umbenennung: Wir haben wichtigere Themen! Und zu guter Letzt: Die Umbenennung geht von einem Geschäftsführer aus und nicht von den Bürgern Schwetzingens, denn: Wir haben wichtigere Themen!

Nur wenn ein Einzelner meint, er könne uns übergehen, weil wir gerade mit Wichtigerem beschäftigt sind, dann rufen wir „Halt!“ – denn vorbei am Bürger und allen demokratischen Institutionen unserer Stadt Entscheidungen zu verkünden, die diese dann umsetzen sollen, da machen wir nicht mit.

Wir haben wichtigere Themen!

Petra Ochs, Schwetzingen

Kopfschütteln über Schwetzingen

Als ich gehört habe, dass das weltberühmte Rokokotheater in Schwetzingen umbenannt werden soll, habe ich gedacht, das sei ein Aprilscherz. Ich bin Kulturunternehmer aus Nordrhein-Westfalen und mehrfach in Schwetzingen gewesen. Aus Erfahrung und vollster Überzeugung kann ich sagen, dass eine Namensumbenennung im Kulturbereich meistens schiefgeht.

Ein Theater ist kein Fußballstadion und kein Supermarkt, bei dem man einfach den Namen wechselt. Menschen wie ich, die in der FAZ den Kulturbereich in Deutschland verfolgen, müssen sich wundern, wie man eine solche Marke vernichten kann. In den letzten Tagen habe ich mit Kulturschaffenden aus Berlin, München, Köln, Düsseldorf und Hamburg gesprochen. Alle schütteln nur die Köpfe über solch ein abstruses Verhalten. Da wird aber deutlich: Diejenigen, die das entscheiden, werden von Steuergeldern subventioniert und sind nicht auf die Einnahmen angewiesen. Schade.

Ich hoffe für Schwetzingen inständig, dass die Entscheidung noch rückgängig gemacht werden kann und das Rokokotheater Rokokotheater bleibt.

Hans Martin Esser, Arnsberg

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