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Naturschutz

Frühmahd in Brühl und Rohrhof: Wenn Rehkitze zu Leidtragenden werden

In der Diskussion um den Zeitpunkt der Frühmahd liefern Landwirte und Jäger stichhaltige Argumente für beide Seiten – aber auf dem Rücken der Tiere.

Von 
Johannes Blem
Lesedauer: 
Ein neugeborenes Kitz liegt versteckt im Gras. Das schützt vor natürlichen Feinden. Doch auch von Menschen sind sie dann freilich schwer zu entdecken, sodass jährlich rund 100 000 Rehkitze durch Mähmesser umkommen.

Brühl. Wie ihr Name verrät, findet die Frühmahd im Frühjahr statt. Trotzdem ist das Mähen der Wiesen das ganze Jahr über Gegenstand von Diskussionen. Aus ökologischer Sicht ist die Frühmahd eine wichtige Maßnahme zum Erhalt artenreicher Grünflächen. Durch das Schneiden der Vegetation werden die Verbuschung und Verwaldung von Gelände verhindert und die Pflanzenvielfalt gefördert.

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Eine möglichst frühe Mahd birgt erhebliche Vorteile für Landwirte, die das geschnittene Gras trocknen und an Tiere verfüttern. Landwirt Adolf Kuhn aus Rohrhof mäht seine Wiesen etwa schon Mitte oder Ende Mai: „Dann ist die Qualität des entstehenden Futters viel besser, es ist reichhaltiger und gesünder. Wenn ich erst später mähe, ist das Gras schon älter und welk.“

Kollision mit Brutzeit

„Mahdzeit ist Maizeit“, lautet ein altes Sprichwort. Der Termin im Frühling kollidiert jedoch mit der Brut- und Setzzeit vieler Vögel und Wildtiere, wie dem Reh- und Niederwild. Sie nutzen die hohen Wiesen, um ihren Nachwuchs vor Fressfeinden zu verstecken. Das funktioniert so gut, dass auch Menschen die kleinen Geschöpfe im Dickicht nicht entdecken können. So finden bundesweit etwa 100 000 Rehkitze pro Jahr den blutigen Tod durch scharfe Mähmesser. Auch Feldhasenjunge und Gelege von Fasanen und anderen Bodenbrütern fallen den motorisierten Mähmaschinen zum Opfer.

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Jäger und der Naturschutzbund (NABU) plädieren daher für eine spätere Mahd. „Ungefähr ab Anfang Juli sind die Kitze auf den Füßen und laufen mit dem Elterntier mit. Gleiches gilt für die Fasane. Zu diesem Zeitpunkt sind sie wesentlich selbstständiger als vier bis sechs Wochen zuvor und deshalb natürlich weniger gefährdet“, sagt Guido Moch aus Brühl. Er ist Jäger im Revier Backofen-Riedwiesen. Dass eine frühe Mahd für viele Landwirte aus finanziellen Aspekten unumgänglich ist, ist dem 56-Jährigen bewusst: „Aufgrund der allgemeinen Situation der Landwirte mit zahlreichen Reglementierungen seitens der Landesregierung haben sie gar keine Alternative, als früh rauszufahren.“

Per Tierschutz- und Bundesnaturschutzgesetz verpflichtet

Per Tierschutz- und Bundesnaturschutzgesetz sind die Bauern indirekt verpflichtet, Schutzmaßnahmen für die Tiere vor dem Mähen zu ergreifen. Wer Verletzung und Tötung von Jungwild durch den Kreiselmäher bewusst in Kauf nimmt, kann eine Straftat begehen, die mit empfindlichen Geldstrafen geahndet werden kann.

In der Praxis ist das Absuchen ihres ganzen Gebiets für die Landwirte aber unmöglich. „Da sprechen wir schnell mal von einer Fläche von sieben Hektar. Das ist nicht zu stemmen“, sagt Moch. Deshalb werden häufig die Jagdpächter zur Hilfe gezogen. So auch vom Rohrhofer Kuhn: „Einen Tag vorher sage ich dem Jäger Bescheid, der geht dann mit dem Hund durch das Gebiet.“

Glücklicherweise sind in den letzten Jahren zwei positive Entwicklungen zu beobachten. Zum einen hat sich die Kommunikation zwischen Jägerschaft und Landwirtschaft verändert. „Beide waren sich in der Vergangenheit nicht ganz grün. Das hat sich deutlichst verbessert, es findet wesentlich mehr Absprache statt“, so Moch.

Zum anderen schreitet der technische Fortschritt voran. Mit modernen Drohnen und Wärmebildkameras unterstützen Vereine wie die „Rehkitzrettung Rhein-Neckar“ Landwirte und Jäger, um den Tieren ihr schlimmes Schicksal zu ersparen. In den ersten Morgenstunden rücken Suchtrupps aus und scannen die Flächen. Entdecken sie ein Rehkitz, packen sie es vorsichtig in Gras ein. Andernfalls würde es Menschengeruch annehmen und von der Mutter abgestoßen werden. Dann wird es zum Wiesenrand getragen, wo das Elterntier ihr Junges am Abend abholt. Auf diese Weise wurden laut der Deutschen Wildtierrettung im Jahr 2021 mehr als 10 000 Wildtiere vor dem Mähtod gerettet.

Allerdings bestehen die Retterteams ausschließlich aus Ehrenamtlichen und stoßen schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Obendrein ist der Mähprozess stark wetterabhängig. Lokal müssen viele Landwirte gleichzeitig ihre Mähmaschinen ausfahren.

Besserung kann eine höhere Bezuschussung der Bundesregierung für die Drohnenarbeit schaffen. Eine weitere Möglichkeit sind finanzielle Entschädigungen für Landwirte, die ihre Wiesen später mähen.

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