Augenzeugenbericht - Bewohner aus dem später ausgebrannten Haus Horch schildern die Ereignisse / Brennendes Sturmgeschütz greift auf zwei Gebäude über / Feuerwehrmann wird erschossen Karfreitag war der Krieg für Schwetzingen zu Ende

Von 
Andreas Lin und Andreas Moosbrugger
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Erst 1946 wird das Sturmgeschütz in der Mannheimer Straße von einem US-Laster geräumt. © A.Moosbrugger Photo Art

Der 30. März war damals – im Jahr 1945 – der Karfreitag, den viele Schwetzinger nie vergessen haben. Die Amerikaner besetzten Schwetzingen und verhängten das Kriegsrecht über die Stadt. Mit dem Einmarsch der 63. US-Infanterie am 30. März 1945 war der Krieg jedenfalls für Schwetzingen zu Ende.

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Das Dritte Reich kapitulierte wenig später – am 8. Mai 1945. Ein grauenvoller Krieg war damit zu Ende und der schwere Wiederaufbau begann. 506 506 Gefallene beklagte die Spargelstadt, hinzu kamen viele Vermisste und zivile Opfer.

US-Army kam von Norden

In Schwetzingen spielten vor 75 Jahren die Häuser der Familien Krebs und Horch eine Rolle – beide stehen an den Ecken der Mannheimer Straße (Fußgängerzone) zu Dreikönigstraße und Heidelberger Straße. Dort sind heute unter anderem die Bücherinsel (Krebs) und Foto Gerkewitz (Horch) zu finden. Nach bislang noch nicht veröffentlichten Augenzeugenberichten von zwei Bewohnern aus dem Hause Horch trug sich am Karfreitag Folgendes zu:

„Um 7.30 Uhr waren bereits die ersten amerikanischen Soldaten in den Ort eingedrungen. Sie waren eine Vorhut zu Panzerverbänden, die wenig später vom Friedhof kommend und durch die Mannheimer Straße auf den Ortskern zurollten. Im Hause der Familie Horch hatten die ersten Amerikaner bereits eine Schaufensterscheibe eingeschlagen und in aller Schnelle einen MG-Posten aufgebaut. Unterdessen saßen die verängstigten Bewohner des Hauses in ihren Kellern.

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Die Bewohner kamen nach einiger Zeit aus dem Keller ins Untergeschoss, wo sie fünf amerikanische GIs antrafen, die ihnen jedoch zu verstehen gaben, dass sie wieder in den Keller zurückkehren sollten.

Panzereinheit im Anmarsch?

Der vorgeschobene MG-Posten wurde laut einer Bewohnerin des Hauses um 10 Uhr von den Amerikanern wieder aufgegeben, da die Soldaten eine Information bekommen hatten, dass deutsche Truppen auf Schwetzingen vorrücken würden. Durch amerikanische Beobachtungsflieger wurde bestätigt, dass sich eine Panzereinheit auf den Ort zubewegte.

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Bereits kurze Zeit später hörte und sah man, wie sich ein deutsches Sturmgeschütz an der katholischen Kirche in die Dreikönigstraße vorwärts bewegte und langsam in Richtung der Heidelberger Straße rollte. In Höhe der Kleinen Planken und dem Eckhaus zur Dreikönigstraße (Möbel Schweinhardt, später unter anderem Eiscafé, heute leerstehend) hatten sich bereits zwei amerikanische Panzer in den Hinterhalt gestellt, und kurz vor dem Haus der Familie Krebs wurden dem deutschen Sturmgeschütz zwei Treffer aus kurzer Nähe verpasst. Der eine traf die Panzerkette und machte das Sturmgeschütz manövrierunfähig.

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Der Fahrer des Panzers war sofort tot, während seine vier Kameraden mit brennenden Uniformen und unter feindlichem Beschuss aus dem Panzer kletterten. Da das Tor im Hause der Familie Horch offenstand, versuchten die Soldaten, hier Unterschlupf zu suchen.

Einer lief noch entlang der Dreikönigstraße um sein Leben, als er in der Höhe der Rotzlerschen Malzfabrik von einer amerikanischen Kugel in den Bauch getroffen wurde. Eine der katholischen Schwestern kam aus dem damaligen Schwesternhaus und brachte den Schwerverletzten ins Haus, wo man ihn notdürftig versorgte. Hier bekam der Soldat durch den damaligen Pfarrer Geyer seinen letzten Segen, ehe er kurze Zeit darauf verstarb.

Besatzung rettet sich in Lazarett

Das mittlerweile in Flammen stehende Sturmgeschütz brannte lichterloh, und durch die Hitze explodierten die noch vorhandene Munition wie auch der noch im Tank verbliebene Treibstoff. Bei jeder Explosion bewegte sich der Panzer in Richtung des Hauses der Familie Krebs. Und so kam es, wie es kommen musste: Auch das Haus geriet in Brand. Die drei noch übrig gebliebenen Besatzungsmitglieder des Panzers wurden von den Bewohnern des Hauses Horch notdürftig verbunden und schlugen sich dann rückwärtig durch die Gärten in Richtung Schlossplatz, wo sich im Hotel Hirsch (heute Palais Hirsch) ein Hilfslazarett befand.

Durch den Brand im Haus der Familie Krebs und weiteren kleineren Explosionen geriet nach einiger Zeit auch das gegenüberliegende Haus der Familie Horch in Brand. Hier kamen die Bewohner verängstigt gegen 13.30 Uhr aus dem Keller heraus, und mussten mit ansehen, wie die beiden Häuser ein Raub der Flammen wurden.

Doch auch die Zivilbevölkerung Schwetzingens musste an diesem Tag Verluste hinnehmen. So verstarb der Bürger Heinrich Steuernagel in den Armen des Landwirts Schuh sowie der Feuerwehrmann Franz Elleser, der beim Versuch, das Haus der Familie Horch zu löschen, von einer Kugel der Amerikaner tödlich getroffen wurde. Und auch der Bäcker Jakob Spelger kam in der Nähe des Gasthauses „Zur Eintracht“ (heute „Woodfire“) ums Leben.

Unvergessene Geschehnisse

So werden dieser Karfreitag und die beschriebenen Geschehnisse in Schwetzingen für jeden, der sie erlebt hat, unvergessen bleiben. Für die einen der Verlust von Familienmitgliedern, für die anderen der Verlust von Hab und Gut – aber auch endlich die Beendigung eines sechsjährigen Krieges.“ So endet der Augenzeugenbericht.

Autor Stv. Redaktionsleiter + Lokalsportchef Schwetzinger Zeitung