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Neue Wege der evangelischen Kirche in Schwetzingen

Mit Bibel und Osterkerze geht’s ins Schlossrestaurant

Die Pfarrer Dr. Franziska Beetschen und Steffen Groß aus Schwetzingen sprechen über neue Wege des Onlinegottesdienstformates "for your soul", das diesen Samstag in die nächste Runde startet - an einem außergewöhnlichen Ort.

Von 
Katja Bauroth
Lesedauer: 
Pfarrer Steffen Groß plaudert bei „for your soul“ mit Landesbischöfin Dr. Heike Springhart über den Glauben und auch manchmal die Zweifel an Gott. © Lenhardt

Menschen zieht es nicht mehr in die Kirche. Ergo: Die Kirche muss zu den Menschen kommen. In Schwetzingen bedeutet das unter anderem: ab mit Kreuz, Bibel und Osterkerze und ins Schlossrestaurant „Theodors“! Die neue Folge, die an diesem Samstag um 18 Uhr unter for-your-soul.de im Internet zu sehen sein wird, wurde dort aufgezeichnet. Die evangelischen Pfarrer Dr. Franziska Beetschen und Steffen Groß erzählen, wie das zur Pandemie entwickelte Onlinegottesdienstformat "for your soul"  (für deine Seele) weiterentwickelt wird und warum es eine Förderung der Landeskirche bekam.

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Frau Beetschen, Herr Groß, mit dem Onlinegottesdienstformat „for your soul“ starten Sie in eine neue Runde – jetzt mit eigener Internetseite for-your-soul.de und neuen Aufnahmeorten jenseits der Kirche. Ist dieses andere Image, diese Bewegung, in Ihren Augen wichtig, um die Kirche ins Jetzt zu holen und zukunftsfähiger zu machen?

Steffen Groß: Wir sind überzeugt von der guten Nachricht von Jesus Christus und wir wollen, dass sie unter die Leute kommt. Die bittere Wahrheit aber ist, dass wir die ganz überwiegende Mehrheit unserer Mitglieder mit unseren klassischen Angeboten nicht mehr erreichen. Lange Zeit sind wir davon ausgegangen, dass die Menschen schon früher oder später zu uns in die Stadtkirche oder ins Lutherhaus kommen. Das war ein Irrtum. Jetzt gehen wir dorthin, wo die Menschen längst sind: auf die Straße, ins Internet – oder eben ins Schloss. Und nach zweieinhalb Jahren „for your soul“ weiß ich: Wir haben unzählige Menschen erreicht, denen ich vorher selten bis nie im Gottesdienst begegnet bin. Die Spendenbereitschaft war insbesondere während der Lockdowns grandios. Und immer wieder ist „for your soul“ der Aufhänger für Gespräche über den christlichen Glauben.

Dr. Franziska Beetschen: Ich würde nicht sagen, dass wir ein völlig neues Image von Kirche und der Nachricht von Jesus eröffnen. Wir beleben ein ursprüngliches Image neu: Schon die ersten christlichen Predigerinnen und Prediger sind raus in die Mitte der damaligen Gesellschaften, auf die Versammlungsplätze der Dörfer und Städte, gegangen. Jesus selbst ging dorthin, wo Menschen sich alltäglich trafen und hat seine Message gelebt und verbreitet. Ich gebe meinem Kollegen recht: Wir haben uns viel zu lange hinter unseren Mauern – nicht nur der Stadtkirche, sondern auch im Kopf – versteckt. Ein wichtiger Versammlungsplatz ist in der Pandemie besonders Youtube geworden. Da ist es konsequent, dass wir dort Menschen begegnen. Die Bewegung ist uralt, hat aber durch die digitale Kommunikationsmöglichkeiten neuen Wind bekommen.

Was ist Ihrer Meinung nach der größte Fehler, den die Kirche rückblickend in Bezug auf ihre Entwicklung gemacht hat?

Groß: Es ist nicht mein Ding, über die Arbeit unserer Kirche in der Vergangenheit zu urteilen. Hinterher ist man immer schlauer. Aber sicher haben wir reichlich spät begriffen, dass wir uns viel stärker an den Bedürfnissen, Fragen und an der Sprache unserer Mitglieder orientieren müssen, anstatt vor allem von unseren eigenen Formen und Traditionen auszugehen. Martin Luther hat uns das vor 500 Jahren ziemlich erfolgreich vorgemacht, als er zum Beispiel beliebte Volks- und Tanzlieder der damaligen Zeit mit einem neuen, geistlichen Text versehen hat.

Das Schwetzinger Team der evangelischen Gemeinde gilt durchaus – ohne das dies jetzt despektierlich klingen soll – als „Revoluzzer-Crew“. Sie verbinden die Bibelgeschichte mit der heutigen Zeit in vielen Aktionen auf interessante Art und Weise. Welche Reaktionen erfahren Sie von Kollegen, aber auch von Gemeindegliedern?

Groß: Ich bin von Haus aus bestimmt kein Revoluzzer, sondern ein eher konservativer Mensch. Ich liebe nach wie vor klassische Kirchenmusik, traditionelle Gottesdienste oder die Gemeinschaft in unseren Gruppen. Aber genauso bin ich in der Popkultur und im Netz zuhause. Und wir haben einfach gemerkt, dass viele Menschen ihr eigenes Leben eher mit Popsongs interpretieren als mit Chorälen aus dem 17. Jahrhundert. Für diese Menschen und mit ihnen machen wir for „your soul“.

Beetschen: Das kommt in der Gemeinde gut an. Nach den Ausgaben von „for your soul“ kommen immer wieder Menschen auf der Straße oder an anderen Orten auf mich zu. Sie knüpfen an inhaltliche Impulse mit ihren eigenen Erfahrungen an oder freuen sich, dass ihr Lieblingssong eine neue Deutung erhält. Und die insgesamt über 40 000 Aufrufe zeigen, dass über die Schwetzinger Grenzen hinaus „for your soul“ gefeiert wird. Es gibt sicher auch Kollegen, die digitale Kommunikation nicht als vollwertig sehen. Die können mit „for your soul“ wenig anfangen. Es gibt aber auch viele, die die Chancen der Digitalisierung und Medienvielfalt erkennen. Deren Gemeinden holen wir gerne ins Boot. Seit dem Start von for your soul haben schon Pfarrer aus Oftersheim, Plankstadt, Hockenheim und Rauenberg dieses Onlineformat mitgestaltet.

Pfarrerin Dr. Franziska Beetschen kann sich viele Gesprächspartner bei "for your soul" vorstellen. © Dorothea Lenhardt

Sie haben Fördergelder für Ihr Format erhalten. Wie kam es dazu und wie werden sie eingesetzt?

Groß: Die evangelische Landeskirche in Baden fördert innovative Projekte, die auf andere Weise als bisher das Evangelium zu den Menschen bringen wollen. Wir haben uns als Kirchengemeinde beworben und von der Landessynode den Höchstbetrag von 70 000 Euro erhalten. Dazu müssen wir gut 30 000 Euro an Eigenmitteln aufbringen – dafür sind wir nach wie vor auf Spenden angewiesen. Davon finanzieren wir nicht nur die aufwendig produzierten Ausgaben von „for your soul“. Wir haben auch eine befristete Stelle eingerichtet, die unsere Onlineexpertin Simone Heidbrink besetzt. Sie hat ja mit mir „for your soul“ zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 erfunden. Außerdem investieren wir in technische Grundausstattung und werden in Zukunft durch andere Kirchenbezirke und Gemeinden tingeln, um die Idee von „for your soul“ weiterzuverbreiten.

Die neue Sendung kommt aus dem Schlossrestaurant „Theodors“ – ein Abendmahl der anderen Art sozusagen. Oder welche Idee steckt hinter der Location?

Groß: Der Gedanke mit dem Abendmahl ist gut, aber die Idee ist eine andere: Wir haben nach einem Ort gesucht, der innerhalb und außerhalb unserer Stadt sofort mit Schwetzingen verbunden wird. Da kamen wir am Schloss kaum vorbei. Wir nehmen ganz bewusst das Kreuz, die Bibel und die Osterkerze aus der Stadtkirche mit und setzen sie in Spannung zu einem Ort, bei dem man zunächst erst mal so gar nicht an Kirche denkt.

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Beetschen: Das „Theodors“ ist ein Glücktreffer. Andreas Bante, der Pächter des Restaurants, ist ein toller Gastgeber. Er nimmt uns nicht nur herzlich auf, sondern stellt uns sein Haus zur Verfügung, ohne Miete zu verlangen. Das ist eine besondere Art der Spende und eine großartige dazu.

Sie gestalten die aktuelle Sendung mit Professor Dr. Heike Springhart, der ersten Frau im Bischofsamt der evangelischen Landeskirche in Baden. Machen Sie uns Appetit auf weitere „for-your-soul“-Ausgaben: Welche Orte, welche Gäste schweben Ihnen noch vor?

Groß: Mit dem „Theodors“ als neue Heimat sind wir sehr glücklich. Im Sommer ist der Schlossplatz eine echte Alternative. Aber ich kann mir auch eine Ausgabe im Freibad, in einer Fabrikhalle oder auf einem Schiff auf dem Rhein vorstellen. Der Ort muss inhaltlich passen. Nur auf eine möglichst spektakuläre Wirkung zu schauen ist uns zu wenig. Ich träume manchmal auch von for your soul im Rokokkotheater. Aber dafür brauchen wir mindestens einen sehr großzügigen Sponsor (lacht).

Beetschen: Die Planungen für die Heiligabend-Ausgabe rollen schon an. Es wird um die Menschen gehen, die die Heilige Nacht nicht oder nur sehr begrenzt feiern können. Ich will mit denjenigen ins Gespräch kommen, die die Gesellschaft an einem solchen Feiertag am Laufen halten. Wie zum Beispiel Feuerwehrmänner und -frauen, Polizistinnen, Pflegepersonal oder Mitarbeitende der Stadtwerke. Für spätere Ausgaben träume ich von Leistungssportler aus der Region. Denn mich interessiert, wie sich ihr Glaube auf ihren Sport und den Umgang mit Rückschlägen auswirkt. Hier fände ich auch Schauspieler Samuel Koch als Gesprächs- und Gebetspartner ebenfalls spannend, dessen Leben sich nach dem Unfall bei der TV-Sendung „Wetten dass“ grundlegend verändert hat. Er strahlt eine faszinierende Energie aus. Oder Künstler, die unsere christliche Tradition neu interpretieren wie der Modedesigner Harald Glööckler, der mit einem Kirchenfenster Glitzer und Glamour ins südbadische Dorf Rümmingen bringt. Denn ich sehe mich tatsächlich als „Kirchenrebellin“.

  • Der Gottesdienst ist ab Samstag, 24. September, 18 Uhr unter www.for-your-soul.de abrufbar.
  • Spenden an Sparkasse Heidelberg, IBAN DE63 6725 0020 0009 3105 84

Ressortleitung Katja Bauroth ist Redaktionsleiterin der Schwetzinger Zeitung/Hockenheimer Tageszeitung.

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