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Sommer-Essays

Tourismus: Eine Gefahr für sich selbst

Von 
Stefan Kern
Lesedauer: 
© Daoud

Region Rhein-Neckar. Tourismus ist in der Krise und zwar ganz jenseits der Pandemie. Bis dato ist das Reisen überwiegend positiv besetzt. Tourismus steht bis heute zum einen für Begegnung, Entspannung und Bildung und zum anderen für Einkommen und Entwicklungschancen. Und das gilt im Grunde bis heute.

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Doch zunehmend gerät eine weitere Seite dieser Geschichte in den Blick. Denn das Preisdumping, das zahlreiche Fluggesellschaften, Kreuzfahrtunternehmen und „Sharing Economy“-Unternehmen wie Airbnb ausgelöst haben, scheint eine Tourismusflut  zu befeuern, in der einige Städte zu ertrinken drohen. Venedig mit seinen knapp 56 000 Einwohnern sah sich vor Corona jährlich mit 30 Millionen Besuchern konfrontiert. Barcelona mit seinen rund 1,6 Millionen Einwohnern rechnet jährlich mit deutlich über zehn Millionen Besuchern. Und die winzige Altstadt von Dubrovnik mit gerade noch 900 Einwohnern steuert auf zwei Millionen Besucher im Jahr zu. Auf Mallorca waren am 9. August 2016 erstmals 1,5 Millionen Menschen zugleich auf der Insel. Und auf dem Jakobsweg pilgerten 2014 fast 250.000 Menschen. 1990 waren es weniger als 5000.

Städtetrips boomen wie noch nie

Es ist überall dasselbe Bild. Laut dem „World Travel Trends Report“ boomen Städtereise wie nie zuvor. Im Vergleich zu 2007 stiegen die Zahlen der Städtetrips von Europäern bis 2015 um 60 Prozent. Dabei ließen die Autoren keinen Zweifel an ihrer Erwartung, dass dieser Bereich weiterwachsen werde. Corona, so eine durchaus belastbare Vermutung, werde nur für eine kurze Unterbrechung dieses Trends sorgen. Erste Eindrücke aus Mallorca rund um Pfingsten lassen kaum einen anderen Schluss zu. Auf der Insel werden dieses Jahr 14 Millionen Gäste erwartet. Das ist mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019. Damit wird der Tourismus zur Gefahr für sich selbst, weil er zerstört, was er liebt. Der Widerstand in den verschiedenen Destinationen wächst zusehends. „Tourist go home“, „Your tourism kills my neighbourhood“ oder „Refugees welcome, Tourists not“ sind die prägnantesten Zeichen dieses Widerstandes. Dabei ist es nicht der Tourismus an sich, der die Menschen gegen sich aufbringt. Es ist die Zahl und die Art des Tourismus, der weniger mit Begegnung und Lernen als mit Feiern und Saufen zu tun hat. Darüber hinaus blieben Kosten für Müllentsorgung und Instandhaltung weiterhin Aufgaben der Gemeinschaft, währenddessen die Gewinne in immer weniger Hände wandern. Es ist eine verhängnisvolle Melange.

In der katalanischen Metropole hatte diese Melange politische Folgen. Im Mai 2015 konnte die Linksaktivistin Ada Colau mit dem Slogan „Wir wollen nicht wie Venedig werden“ den Kampf um das Amt des Oberbürgermeisters in Barcelona für sich entscheiden. Die Stadt verzeichnet unter allen Metropolen der Welt seit 1990 den stärksten Zuwachs im Tourismus. 1990 gab es hier in 118 Hotels 1,7 Millionen Übernachtungen. Für 2016 verzeichneten die 426 Hotels und 430 Pensionen fast 17 Millionen Übernachtungen. Nicht mitgezählt wurden hier die Touristen, die in den Tausenden von Privatwohnungen untergekommen sind. Zwischen 2013 und 2016 soll sich das Wohnungsangebot von Airbnb, laut der Stadtverwaltung, auf rund 30 000 Wohnungen annähernd verdreifacht haben. Folge ist eine massive Umwälzung des städtischen Lebens. Urbane Zentren wie der Markusplatz in Venedig, die Strada in Dubrovnik oder die Rambla in Barcelona haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Facelifting erlebt, das einer Revolution nahekommt. In der Wissenschaft kursiert in Anlehnung an die Gentrifizierung der Begriff Touristifizierung. Dabei wird durch den Touristen das soziale Gefüge in einem Viertel komplett umgekrempelt, sodass das Ursprüngliche kaum wiederzuerkennen ist. Traditionelle Cafés und typische kleine Inhabergeschäfte machen Souvenirläden, Bars, Fast-Food-Ketten und Konzernen Platz. Die Ramblas, noch vor einigen Jahrzehnten eine herrliche elegante Flaniermeile vom Placa de Catalunya zum Hafen, mit dem grandiosen Opernhaus Liceu, traditionellen Blumengeschäften und wunderbaren Cafés ähnelt heute eher einem Jahrmarkt. Leben in der Altstadt wird zum nervenaufreibenden Hindernislauf zwischen betrunken grölenden Touristen und Großgruppen mit Selfiesticks und Rollkoffern.

Mieten in Barcelona explodieren - auch wegen Airbnb

Am schlimmsten für die Einwohner ist die Entwicklung der Mieten. Nach einer Studie, veröffentlicht in der Tageszeitung „El Pais“ sind die Mieten allein zwischen 2015 und 2018 um fast 35 Prozent gestiegen. Vor allem in den angesagten Vierteln, wie Ciutat Vella und Barceloneta sind sie dank Airbnb und anderen Internetplattformen geradezu explodiert. Eine Entwicklung, die alteingesessene Einwohner immer mehr an den Stadtrand drängt und die neue Bürgermeisterin Ada Colau auf den Plan rief. Als Erstes wurde die Vergabe von Lizenzen für den Bau von Hotels drastisch beschränkt und für Wohnungseigentümer, die ihre Wohnung an Touristen vermieten wollen, zur Pflicht gemacht. Ein Team von Mitarbeitern hat in der Folge mehrere Hundert unlizenzierte Wohnungen ausfindig gemacht und empfindliche Strafen von bis zu 30 000 Euro verhängt. Mittlerweile, so Colau, seien über 700 Wohnungen vom „Sharing Economy“- Markt verschwunden. Auch Airbnb wurde mit einem Strafmandat über 600 000 Euro belegt, wogegen das Unternehmen jedoch Einspruch erhoben hat. Die neuesten Pläne sehen auch Geldbußen für die Mieter vor. Damit, so die Hoffnung im Rathaus, solle der Druck auf das Unternehmen erhöht werden. Nichts sei schlechter in der „Sharing Economy“ als schlechte Presse.

Es sind wichtige Maßnahmen auf dem Weg zu einem nachhaltigen und verträglichen Tourismus. Aber Colau und die zahlreichen Aktivisten in den europäischen Städten betonen unisono, dass sich ein verträglicher Städtetourismus nicht nur an Regulierungsmaßnahmen, sondern auch am Verhalten jedes einzelnen Gastes entscheidet. Kleine lokale Geschäfte bevorzugen, eher in einem familiengeführten Hotel oder Pension absteigen und vor allem nicht ständig betrunken, halbnackt und krakeelend auf das eigene Sein aufmerksam machen. Betont freundlich werden in zahlreichen Städten die Touristen dazu aufgefordert, Rücksicht zu nehmen und beispielsweise ihre Rollkoffer wenigstens in den engsten Gassen und auf Pflasterstein zu tragen.

58 Prozent der Touristen in Barcelona sind von Touristen genervt

In Sachen Wohnungen hat Barcelona übrigens eine Webseite erstellt, mit der Touristen im Vorfeld online überprüfen können, ob sie für ihren Urlaub eine Wohnung mit Lizenz anmieten. Der Hinweis auf diese Webseite wird dabei jedem Besucher automatisch als geocodierte Anzeige auf das Smartphone geschickt. All das scheint auch im Sinne der Touristen zu sein. Bei einer Umfrage unter Besuchern der katalanischen Metropole im Jahr vor Corona erklärten 58 Prozent der befragten Touristen, dass sie von den Touristen genervt seien. Weder die Barcelonaer noch ihre Besucher scheinen zu wollen, dass die Stadt zu einen Potemkinschen Dorf mit billigen Souvenirläden verkommt. Ein Ansatz, den wohl alle betroffenen Städte blind unterschreiben würden. Colau Leitlinie lautet: „Weg vom Billigparty-Tourismus  hin zum QualitätsBildungs-Tourismus.“ Und das heißt auch, es muss wieder teurer werden. Es ist eine Gratwanderung. Aber eine, die gelingen muss, wenn der  Städtetourismus eine Zukunft haben will.

Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.

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    Tourismus ist in der Krise und zwar ganz jenseits der Pandemie. Bis dato ist das Reisen überwiegend positiv besetzt. Tourismus steht bis heute zum einen für Begegnung, Entspannung und Bildung und zum anderen für Einkommen und Entwicklungschancen. Und das gilt im Grunde bis heute. Doch zunehmend gerät eine weitere Seite dieser Geschichte in den Blick. Denn das Preisdumping, das zahlreiche Fluggesellschaften, Kreuzfahrtunternehmen und „Sharing Economy“-Unternehmen wie Airbnb ausgelöst haben, scheint eine Tourismusflut  zu befeuern, in der einige Städte zu ertrinken drohen. Venedig mit seinen knapp 56 000 Einwohnern sah sich vor Corona jährlich mit 30 Millionen Besuchern konfrontiert. Barcelona mit seinen rund 1,6 Millionen Einwohnern rechnet jährlich mit deutlich über zehn Millionen Besuchern. Und die winzige Altstadt von Dubrovnik mit gerade noch 900 Einwohnern steuert auf zwei Millionen Besucher im Jahr zu. Auf Mallorca waren am 9. August 2016 erstmals 1,5 Millionen Menschen zugleich auf der Insel. Und auf dem Jakobsweg pilgerten 2014 fast 250.000 Menschen. 1990 waren es weniger als 5000. Städtetrips boomen wie noch nie Es ist überall dasselbe Bild. Laut dem „World Travel Trends Report“ boomen Städtereise wie nie zuvor. Im Vergleich zu 2007 stiegen die Zahlen der Städtetrips von Europäern bis 2015 um 60 Prozent. Dabei ließen die Autoren keinen Zweifel an ihrer Erwartung, dass dieser Bereich weiterwachsen werde. Corona, so eine durchaus belastbare Vermutung, werde nur für eine kurze Unterbrechung dieses Trends sorgen. Erste Eindrücke aus Mallorca rund um Pfingsten lassen kaum einen anderen Schluss zu. Auf der Insel werden dieses Jahr 14 Millionen Gäste erwartet. Das ist mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019. Damit wird der Tourismus zur Gefahr für sich selbst, weil er zerstört, was er liebt. Der Widerstand in den verschiedenen Destinationen wächst zusehends. „Tourist go home“, „Your tourism kills my neighbourhood“ oder „Refugees welcome, Tourists not“ sind die prägnantesten Zeichen dieses Widerstandes. Dabei ist es nicht der Tourismus an sich, der die Menschen gegen sich aufbringt. Es ist die Zahl und die Art des Tourismus, der weniger mit Begegnung und Lernen als mit Feiern und Saufen zu tun hat. Darüber hinaus blieben Kosten für Müllentsorgung und Instandhaltung weiterhin Aufgaben der Gemeinschaft, währenddessen die Gewinne in immer weniger Hände wandern. Es ist eine verhängnisvolle Melange. In der katalanischen Metropole hatte diese Melange politische Folgen. Im Mai 2015 konnte die Linksaktivistin Ada Colau mit dem Slogan „Wir wollen nicht wie Venedig werden“ den Kampf um das Amt des Oberbürgermeisters in Barcelona für sich entscheiden. Die Stadt verzeichnet unter allen Metropolen der Welt seit 1990 den stärksten Zuwachs im Tourismus. 1990 gab es hier in 118 Hotels 1,7 Millionen Übernachtungen. Für 2016 verzeichneten die 426 Hotels und 430 Pensionen fast 17 Millionen Übernachtungen. Nicht mitgezählt wurden hier die Touristen, die in den Tausenden von Privatwohnungen untergekommen sind. Zwischen 2013 und 2016 soll sich das Wohnungsangebot von Airbnb, laut der Stadtverwaltung, auf rund 30 000 Wohnungen annähernd verdreifacht haben. Folge ist eine massive Umwälzung des städtischen Lebens. Urbane Zentren wie der Markusplatz in Venedig, die Strada in Dubrovnik oder die Rambla in Barcelona haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Facelifting erlebt, das einer Revolution nahekommt. In der Wissenschaft kursiert in Anlehnung an die Gentrifizierung der Begriff Touristifizierung. Dabei wird durch den Touristen das soziale Gefüge in einem Viertel komplett umgekrempelt, sodass das Ursprüngliche kaum wiederzuerkennen ist. Traditionelle Cafés und typische kleine Inhabergeschäfte machen Souvenirläden, Bars, Fast-Food-Ketten und Konzernen Platz. Die Ramblas, noch vor einigen Jahrzehnten eine herrliche elegante Flaniermeile vom Placa de Catalunya zum Hafen, mit dem grandiosen Opernhaus Liceu, traditionellen Blumengeschäften und wunderbaren Cafés ähnelt heute eher einem Jahrmarkt. Leben in der Altstadt wird zum nervenaufreibenden Hindernislauf zwischen betrunken grölenden Touristen und Großgruppen mit Selfiesticks und Rollkoffern. Mieten in Barcelona explodieren - auch wegen Airbnb Am schlimmsten für die Einwohner ist die Entwicklung der Mieten. Nach einer Studie, veröffentlicht in der Tageszeitung „El Pais“ sind die Mieten allein zwischen 2015 und 2018 um fast 35 Prozent gestiegen. Vor allem in den angesagten Vierteln, wie Ciutat Vella und Barceloneta sind sie dank Airbnb und anderen Internetplattformen geradezu explodiert. Eine Entwicklung, die alteingesessene Einwohner immer mehr an den Stadtrand drängt und die neue Bürgermeisterin Ada Colau auf den Plan rief. Als Erstes wurde die Vergabe von Lizenzen für den Bau von Hotels drastisch beschränkt und für Wohnungseigentümer, die ihre Wohnung an Touristen vermieten wollen, zur Pflicht gemacht. Ein Team von Mitarbeitern hat in der Folge mehrere Hundert unlizenzierte Wohnungen ausfindig gemacht und empfindliche Strafen von bis zu 30 000 Euro verhängt. Mittlerweile, so Colau, seien über 700 Wohnungen vom „Sharing Economy“- Markt verschwunden. Auch Airbnb wurde mit einem Strafmandat über 600 000 Euro belegt, wogegen das Unternehmen jedoch Einspruch erhoben hat. Die neuesten Pläne sehen auch Geldbußen für die Mieter vor. Damit, so die Hoffnung im Rathaus, solle der Druck auf das Unternehmen erhöht werden. Nichts sei schlechter in der „Sharing Economy“ als schlechte Presse. Es sind wichtige Maßnahmen auf dem Weg zu einem nachhaltigen und verträglichen Tourismus. Aber Colau und die zahlreichen Aktivisten in den europäischen Städten betonen unisono, dass sich ein verträglicher Städtetourismus nicht nur an Regulierungsmaßnahmen, sondern auch am Verhalten jedes einzelnen Gastes entscheidet. Kleine lokale Geschäfte bevorzugen, eher in einem familiengeführten Hotel oder Pension absteigen und vor allem nicht ständig betrunken, halbnackt und krakeelend auf das eigene Sein aufmerksam machen. Betont freundlich werden in zahlreichen Städten die Touristen dazu aufgefordert, Rücksicht zu nehmen und beispielsweise ihre Rollkoffer wenigstens in den engsten Gassen und auf Pflasterstein zu tragen. 58 Prozent der Touristen in Barcelona sind von Touristen genervt In Sachen Wohnungen hat Barcelona übrigens eine Webseite erstellt, mit der Touristen im Vorfeld online überprüfen können, ob sie für ihren Urlaub eine Wohnung mit Lizenz anmieten. Der Hinweis auf diese Webseite wird dabei jedem Besucher automatisch als geocodierte Anzeige auf das Smartphone geschickt. 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  • Sommer-Essays Was immer weniger Wasser mit der Menschheit macht

    Das Ausmaß der Tragödie kann für die Wissenschaftler in drei Zahlen ausgedrückt werden: 1,2 Milliarden, 2,6 Milliarden und 5000. Zahlen, die eigentlich jede Vorstellung sprengen. Denn dahinter verbergen sich erstens die Anzahl der Menschen ohne sichere Trinkwasserversorgung, zweitens die Menschen ohne sanitäre Wasserversorgungsleistung und zuletzt die Zahl der Kinder, die an jedem einzelnen Tag infolge von Wassermangel sterben. Auf den ersten Blick erscheinen die Wasserkrisen überall auf der Welt als einzelne, nicht zusammenhängende Phänomene. Der enorme Wasserverbrauch in Las Vegas verschärft nicht die Wasserversorgung für die Palästinenser im West Jordanland und die Dürre in Afrika scheint mit der Wüstenbildung in Spanien nichts zu tun zu haben. Auf den zweiten Blick ändert sich die Sache jedoch grundlegend. Der Klimawandel und der Handel mit virtuellem Wasser machen aus den vielen regionalen eine große zusammenhängende Wasserkrise. Klimaproblem verschärft in Zukunft die Wasserversorgung Das Klimaproblem verschärft in Zukunft die Wasserversorgung für weite Teile der Menschheit, so eine Schätzung der UN. „Bis 2030 wird die Hälfte der Menschheit in Gebieten leben, wo Wasser Mangelware ist.“ Der Klimawandel setzt dabei zwei gegenläufige Entwicklungen in Gang. Und so ungenau viele Modelle bisher noch sind, über die grundlegende Tendenz sind sie sich einig.  In trockenen Weltregionen wird es noch trockener werden und in Gegenden, die eh schon ausreichend über Wasser verfügen, wird der Überfluss zunehmen. Das heißt, dass die Wasserversorgung der Zukunft vor allem das Verteilungsproblem lösen muss. Um zu verhindern, dass sich Millionen von Wasserflüchtlinge auf den Weg machen, muss eine entscheidende Frage beantwortet werden, wie kann Wasser aus regenreichen in regenarme Gebiete gelangen? Genauso verheerend für viele wasserarme Regionen entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten der Handel mit virtuellem Wasser. Womit die Menge Wasser gemeint ist, die zu Herstellung, Transport und Entsorgung von Lebensmitteln und Produkten verbraucht oder verschmutzt wird. Direkt verbraucht der Deutsche täglich rund 130 Liter Wasser zum Duschen, Toilette spülen, Wäsche waschen, Kochen und Trinken. Richtig verhagelt wird die Ökobilanz, wenn der virtuelle Wasserverbrauch hinzukommt. Nicht mehr 130 Liter, sondern 4130 Liter, so eine Berechnung des WWF, verbraucht jeder Deutsche täglich. Ein Frühstücksei, 135 Liter Wasser, eine Tasse Kaffee, 140 Liter Wasser, ein Baumwoll-T-Shirt, 2700 Liter Wasser und für ein Steak, 5000 Liter Wasser. Des Deutschen liebstes Kind fällt in dieser Bilanz bei einem Durchschnittsgewicht von 1,5 Tonnen übrigens mit rund 400 000 Litern Wasser und der Computer, an dem dieser Text geschrieben wurde, mit 20 000 Litern Wasser ins Gewicht. „Stockholmer Water Price“ (Wasser-Nobelpreis) für britischen Umweltforscher Der renommierte britische Umweltforscher John Anthony Allan, der das Konzept des virtuellen Wasserverbrauchs entwickelte und dafür den „Stockholmer Water Price“ (Wasser-Nobelpreis) erhielt, berechnete für zahlreiche Alltagsprodukte den ökologischen Fußabdruck und machte so deutlich, wie sehr der Westen auch in Bezug auf Wasser auf Kosten anderer lebt. Denn meist läuft dieser virtuelle Wasserhandel von Ländern mit eher wenig Wasser in Länder ohne Wasserversorgungsprobleme. Die entwickelte Welt importiert also Wasser und schafft so in vielen Ländern Probleme mit der Wasserversorgung. So brachte der Siegeszug der Baumwolle neben der modischen Vielfalt eben auch zahlreiche Schwierigkeiten mit sich. Wobei am bekanntesten das Schicksal des früher viertgrößten Süßwassersees sein dürfte, dem Aralsee. Nachdem seine Zuflüsse von Mitte der 50er bis Mitte der 80er aufgrund intensiver Bewässerung von Baumwollplantagen im Laufe der Zeit auf null reduziert wurden, zog sich das Ufer von 1956 bis 1998 um rund 75 Kilometer zurück. Heute umfasst der Aralsee, nach 1075 Kubikkilometern im Jahr 1955, keine 54 Kubikkilometer mehr. Für ein Kilogramm Baumwolle benötigt man 11 000 Liter Wasser. Warnzeichen auch beim Gelben Fluss in China Ein ganz ähnliches Warnzeichen gab der Gelbe Fluss in China von sich. Nachdem über Jahre immer mehr Wasser abgepumpt wurde, um den Bedürfnissen der Landwirtschaft angesichts einer stark wachsenden Bevölkerung gerecht zu werden, fiel der Gelbe Fluss 1972 für 15 Tage tatsächlich trocken. Seitdem geschieht dies in unregelmäßigen Abständen immer wieder. In den Vereinigten Staaten heißt dieses Warnzeichen Ogallala-Aquifer, ein riesiges System von Grundwasserleitern, das sich über sechs Bundesstaaten von Süd Dakota bis nach Texas erstreckt. Dabei lautet die Frage nicht, ob dieser gewaltige Grundwasserleiter versiegt, sondern nur noch, wann dies geschieht. Die einzig sinnvolle Gegenstrategie wäre der massive Abbau von landwirtschaftlicher Tätigkeit, was in einer der größten Kornkammern der USA jedoch kaum durchsetzbar wäre. Was geschehen soll, wenn der Ogallala-Aquifer leer gepumpt ist und die Landwirte in den sechs Bundesstaaten vor der Existenzfrage stehen, bleibt bis heute dagegen völlig ungeklärt. Dabei muss es auf diese Frage bald eine Antwort geben, da der Zeitpunkt für den Grundwasserleiter ohne Wasser nicht mehr allzu weit entfernt ist. Katastrophale Wasserbilanz innerhalb der Landwirtschaft Eine katastrophale Wasserbilanz innerhalb der Landwirtschaft, die, laut UN World Water Report, immerhin rund 70 Prozent des gesamten, dem Menschen zur Verfügung stehenden Süßwassers verbraucht, hat die Viehwirtschaft sowie der Kaffee- und der Kakaoanbau. Für ein Kilogramm Rindfleisch braucht es über 15 000 Liter Wasser, für ein Kilogramm Schweinefleisch 4800 Liter Wasser und für ein Kilogramm Hühnerfleisch 3900 Liter Wasser. Allan ist sich nach 40 Jahren Forschung sicher, dass sich bei einer fleischlosen Ernährung der weltweite Wasserverbrauch halbieren ließe.  Aber auch schon ein Teilverzicht würde den globalen Wasserhaushalt für viele Menschen spürbar entlasten. Das gilt auch für Kaffee und Kakao, der den Wasserhaushalt der jeweils exportierenden Länder schwer belastet. Ein Kilogramm Kakao entspricht 27 000 Litern und ein Kilogramm Kaffee 21 000 Litern Wasser. Dieser zunehmende Wasserhandel und der einsetzende Klimawandel verschärfen somit ein Problem, für das in der Welt bisher noch nicht einmal ein Lösungsansatz existiert. Schon jetzt gibt es weltweit Millionen Umweltflüchtlinge, bisher hauptsächlich Binnenflüchtlinge. Doch bald werden sich die Menschen in andere Weltregionen aufmachen müssen. Und die Zahlen werden steigen. Das Problem "Wasserflüchtlinge" Harald Welzer, Professor für Sozialpsychologie und Autor des Buches „Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“, formuliert es drastisch. „Irgendwann kommen nicht nur ein paar Boote, sondern Millionen und auf diesen Ansturm sind unsere Demokratien überhaupt nicht vorbereitet.“ Auch die amerikanische sowie die europäischen Regierungen sehen in dem Problem Wasserflüchtling mittlerweile eine sicherheitsrelevante Frage ersten Ranges. Nur die Antworten jenseits militärischer Abschirmung bleiben bisher äußerst dürftig. Angesichts dieses durchaus alles infrage stellenden Problems ist es erstaunlich, dass die UN-Konvention für ein nachhaltiges, verantwortungsvolles und vor allem grenzüberschreitendes Management von Trinkwasservorkommen noch immer auf Eis liegt. Kulturen können manches überstehen, keinesfalls aber die totale Wasserverknappung und die damit einhergehenden Völkerbewegungen.

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