Essay

Warum wir keine Angst vor dem Tod haben sollen

Von 
Stefan Kern
Lesedauer: 
Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit kann niemanden kaltlassen. Da helfen weder Humor noch Sarkasmus. Und sie provoziert gleichzeitig die Frage nach dem eigentlichen Lebenssinn. © Khaled Daoud

Schwetzingen / Guben / Welt. Es bleibt viel Zeit nachzudenken. Acht Stunden dauert die Fahrt mit dem Zug von Heidelberg ins brandenburgische Guben, direkt an der polnischen Grenze. Der Anatom Gunther von Hagens hat hier, in einer alten Tuch- und Hutfabrik, sein Plastinationszentrum gegründet. Was ist von Hagens für ein Mensch, was treibt ihn an und hat er Angst vor der Endlichkeit? Aber auch: Was ist gelingendes Leben, was der Tod?

Mit diesen Fragen steht man in Guben vor einem riesigen Bau. 30 000 Quadratmeter beeindruckende Industriegeschichte aus der Gründerzeit und mittendrin das Plastinationszentrum mit Museum und Präparationsräumen. Und eine erste Überraschung. Gunther von Hagens wirkt nicht wie der schillernde Grenzübertreter, als der er immer wieder beschrieben wird. Und schon gar nicht wie der „Dr. Tod“ – so hatte ihn der „Spiegel“ genannt. In seinem Labor voller Proben und Notizen, ohne erkennbare Ordnung, erinnert er viel eher an einen Tüftler wie Daniel Düsentrieb. Beseelt und glücklich in seiner Ideenwelt.

Keine Angst vor dem Tod: Frage nach dem eigentlichen Lebenssinn

Auslöser für die Fahrt nach Guben war ein Gang durch die Körperweltenausstellung in Heidelberg. Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit kann niemanden kaltlassen. Da helfen weder Humor noch Sarkasmus. Und sie provoziert gleichzeitig die Frage nach dem eigentlichen Lebenssinn. Also mit dem, was in kapitalistischen Gesellschaften verdrängt werden muss, damit Konsum und Karrieren nicht infrage gestellt werden und das Räderwerk läuft. Die Körperwelten selbst sind sicher keine antikapitalistischen Ereignisse. Aber wer so wie von Hagens den Körper, Krankheit und Tod in den Fokus rückt, stellt der grenzenlosen Marktlogik zumindest Hindernisse in den Weg.

Den Tod als Türöffner. Dem begegnet auch Sophie in Jostein Gaarders Buch „Sophies Welt“. Beim Nachdenken über das Leben geraten ihre Gedanken immer „in den Schatten des Todes“. Erst als das Mädchen beschließt, über den Tod nachzudenken, gelingen ihr Einsichten zum Leben. „Es ist unmöglich, darüber nachzudenken, dass man sterben muss, ohne zugleich daran zu denken, wie fantastisch das Leben ist.“ Oder wie der Philosoph Franz Josef Wetz es formuliert: „Anatomie, das ist die Kunst das Dunkel des Lebens mit dem Licht des Todes zu erhellen.“

Keine Angst vor dem Tod: Neues Verständnis der eigenen, wunderbaren Körperlichkeit

Ähnlich denkt auch von Hagens. Er hofft, bei den Besuchern der Körperwelten über die „frontale Konfrontation“ mit der eigenen Sterblichkeit ein „neues Verständnis der eigenen, wunderbaren Körperlichkeit“ zu wecken.

Ein Ansatz, für den der Mediziner viel Kritik einstecken musste. Ironischerweise geriet er mit seiner Arbeit als gewissenloser Kapitalist in die Schusslinie. Den Tod zu vermarkten, erschien vielen unerträglich. Vor allem in Deutschland wurde über die Körperwelten sehr grundsätzlich debattiert. Und dies setzte, das spürt man noch heute, von Hagens zu.

Auch sein Sohn Rurik, der mittlerweile das Unternehmen leitet, erinnert sich gut an die massiven Auseinandersetzungen. Am Ende rettete sich der Vater mit Voltaire. Der soll gesagt haben, dass die Deutschen ein sehr grundsätzliches Volk seien. In allen anderen Ländern, von den USA und Japan über Israel bis in die Türkei, lösten die Ausstellung nicht im Entferntesten solche Diskussionen aus.

Keine Angst vor dem Tod: Kulturkämpfe können von Hagens nicht beirren

Was auch immer diese Kulturkämpfe provozierte, beirren konnten sie von Hagens nicht. Sein Lebensweg war nie der leichteste und vielleicht stählte das den Mann. Schon im Kindesalter litt der 1945 in Alt-Skalden (Posen/Polen) geborene und in Gera aufgewachsene von Hagens an einer seltenen Bluterkrankung. Immer wieder und für viele Monate musste er ins Krankenhaus. Dies habe ihn „auf gewisse Art entfremdet“ von der Gesellschaft, habe seine Unangepasstheit gefördert, sagt er. Eigenschaften, die ihn später sogar für zwei Jahre ins Gefängnis brachten. Mit Zweifel am Kommunismus versuchte er, am 7. Januar 1968 über die tschechische Grenze nach Österreich zu fliehen. Der Plan misslang, der 23-Jährige wurde verhaftet und kam als Republikflüchtling in Haft. Im August 1970 kaufte ihn die Bundesrepublik frei.

Rückblickend erkennt von Hagens auch hier eine Prägung, die ihm in seinen späteren Leben von Nutzen sein sollte. „Die mir genommene Freiheit stärkte mein Durchhaltevermögen.“ Angesichts des Sturms, den seine Körperwelten auslösten, keine ganz unwichtige Eigenschaft.

Sieben Jahre später, im Jahr 1977, erfindet von Hagens am Anatomischen Institut der Uni Heidelberg sein bahnbrechendes Verfahren zur Konservierung anatomischer Präparate. Kurz gesagt: Bei der Plastination wird in zwei Schritten das Zellwasser und Zellfett mit Aceton herausgelöst. Dieses Aceton wird schließlich in einer Vakuumkammer durch Silikon-Kautschuk ersetzt. Das Präparat ist in diesem Zustand noch flexibel und lässt sich mit Drähten und Nadeln gestalten. Das dann fertige Exponat wird mit Gas oder UV-Licht gehärtet. Der ganze Herstellungsprozess dauert Monate.

Keine Angst vor dem Tod: im 16. Jahrhundert „Anatomische Theater“ überall in Europa

70 Mitarbeiter stellen in Guben mehrere Hundert Plastinate im Jahr her. Der überwiegende Teil geht heute nicht in Ausstellungen, sondern an Universitäten als Anschauungsmaterial für die Ausbildung von Medizinstudenten. Klar, der Erfinder will von seiner Arbeit leben. Aber für von Hagens scheint weniger der ökonomische Erfolg als der Erfolg der Idee im Mittelpunkt zu stehen.

Mit diesen knüpfte er an die Ursprünge der anatomischen Kultur an. Viele Hundert Jahre waren anatomische Untersuchungen mit einem kirchlichen Tabu belegt. Doch in der Renaissance wandelte sich das Bild vom Körper als Grab der Seele hin zum Körper als Tempel des Geistes. Ab dem 15. und vor allem im 16. Jahrhundert wurden überall in Europa „Anatomische Theater“ eröffnet, in denen öffentliche Sektionen stattfanden, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nahm. Einen menschlichen Körper zu öffnen, hieß damals, die Innenseite eines göttlichen Geschöpfs sichtbar zu machen und der unermesslichen Weisheit Gottes offenbar zu werden. Erst mit der Akademisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte ein Rückzug der Anatomie aus der Mitte der Gesellschaft ein, der im Grunde bis zu den ersten großen Ausstellungen von Hagens ab Mitte der 1990er Jahre anhielt.

Das mit den Körperwelten begann ganz klein. Auf Anfrage der AOK in Pforzheim stellte von Hagens einige kleine Präparate aus – und erlebte eine Art Interessenexplosion. Der Andrang soll riesig gewesen sein, da lag die Idee einer größeren Ausstellung nahe. Den Auftakt machte Tokio, wo in zwei Monaten rund 500 000 Japaner die Präparate sehen wollten. Und im Oktober 1997 öffnete die europaweit erste Körperweltenausstellung im Landesmuseum für Technik in Mannheim. Auch hier schlug das Projekt ein wie eine Bombe: 800 000 Besucher in den ersten vier Monaten! So großes Interesse zog natürlich auch Kritik nach sich.

Keine Angst vor dem Tod: sechs tourende Körperwelten-Ausstellungen und vier feste Standorte

Der Gang an die Öffentlichkeit markierte die akademische Wende. Galt von Hagens bis dato als revolutionär in Sachen Plastination und genoss in der Welt der Mediziner hohes Ansehen, geriet er nun nah an das Klischee eines windigen Geschäftemachers. Und natürlich schmerzte diese Missachtung und Kritik. Sein Sohn sagt heute: „Die Aufklärung geriet zur Berufung und war ihm stets wichtiger als sein gesellschaftliches Ansehen.“ Heute gibt es sechs tourende Körperwelten-Ausstellungen und vier feste Standorte: Amsterdam, San José, Berlin und Heidelberg.

Heftige Kritik löste – neben der Vermarktung und der Zurschaustellung des Todes – auch immer wieder das Körperspenderprogramm aus. Seit der ersten Ausstellung begleitet von Hagens der Verdacht, er würde Körper von Toten illegal beschaffen. Was der Anatom weit von sich weist und Statistiken über Statistiken zeigt. Bis jetzt gab es genau 17 071 Körperspenden, allein aus Deutschland kamen 14 982. Und keine einzige stamme auch nur verdachtsweise aus unsicheren Quellen, beteuert von Hagens.

Keine Angst vor dem Tod: den Tod wieder zum vertrauten Begleiter machen

Es ist eine Diskussion, die den Mann ärgert. Denn sie lenke vom Eigentlichen ab. Frei nach dem französischen Soziologen Philippe Ariès (1914 bis 1984) geht es von Hagens darum, den Tod wieder zum vertrauten Begleiter zu machen. Für den französischen Autor des Buches „Geschichte des Todes“ war der Tod über Jahrtausende gezähmt. Heißt: Von der Antike bis in die frühe Neuzeit war das Sterben integraler Bestandteil des Lebens. Im 19. Jahrhundert begann sich diese Verbindung zu lösen. Ariès nennt dies den „verwilderten Tod“: Mensch und Tod erleben eine tiefgehende Entfremdung. Und je weiter er in leistungsorientierten Gesellschaften aus dem Alltag verdrängt wird, desto größer wird die Angst des Menschen vor dem doch Unweigerlichen. Dabei wusste schon der französische Philosoph Philippe Duplessis-Mornay (1549 bis 1623): „Um glücklich zu sterben, muss man glücklich leben lernen. Um glücklich zu leben, muss man sterben lernen.“ Charles Darwin ging noch weiter. Für den Entdecker der Evolution war der Tod nicht nur Ziel, sondern Bedingung für das Leben. „Wenn der Tod nicht wäre, gäbe es kein Leben, keine unterschiedlichen Spezies, einfach nichts.“ Worte, die für Gunther von Hagens zu Leitfäden wurden, denen er alles unterordnet. Und so hat er die Frage nach der Angst vor seinem Tod schon lange mit Nein beantwortet.

Auch Frank Zscholpig, seit 2010 Mitarbeiter im Gubener Plastinarium, lässt keinen Zweifel daran, dass ihn der Job beeinflusst. Die Arbeit an Toten habe seinen Bezug zum Leben verändert. Genau wie Sophie in „Sophies Welt“ erkennt er nun deutlicher als früher: Man sollte sein Leben genießen. „Das Wissen über den Tod macht das Leben wertvoll“, sagt Zscholpig und merkte verschmitzt an: „Ich esse jetzt mehr Schokolade.“

Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.

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Beseelt und glücklich in seiner Ideenwelt. Keine Angst vor dem Tod: Frage nach dem eigentlichen Lebenssinn Auslöser für die Fahrt nach Guben war ein Gang durch die Körperweltenausstellung in Heidelberg. Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit kann niemanden kaltlassen. Da helfen weder Humor noch Sarkasmus. Und sie provoziert gleichzeitig die Frage nach dem eigentlichen Lebenssinn. Also mit dem, was in kapitalistischen Gesellschaften verdrängt werden muss, damit Konsum und Karrieren nicht infrage gestellt werden und das Räderwerk läuft. Die Körperwelten selbst sind sicher keine antikapitalistischen Ereignisse. Aber wer so wie von Hagens den Körper, Krankheit und Tod in den Fokus rückt, stellt der grenzenlosen Marktlogik zumindest Hindernisse in den Weg. Den Tod als Türöffner. Dem begegnet auch Sophie in Jostein Gaarders Buch „Sophies Welt“. Beim Nachdenken über das Leben geraten ihre Gedanken immer „in den Schatten des Todes“. Erst als das Mädchen beschließt, über den Tod nachzudenken, gelingen ihr Einsichten zum Leben. „Es ist unmöglich, darüber nachzudenken, dass man sterben muss, ohne zugleich daran zu denken, wie fantastisch das Leben ist.“ Oder wie der Philosoph Franz Josef Wetz es formuliert: „Anatomie, das ist die Kunst das Dunkel des Lebens mit dem Licht des Todes zu erhellen.“ Keine Angst vor dem Tod: Neues Verständnis der eigenen, wunderbaren Körperlichkeit Ähnlich denkt auch von Hagens. Er hofft, bei den Besuchern der Körperwelten über die „frontale Konfrontation“ mit der eigenen Sterblichkeit ein „neues Verständnis der eigenen, wunderbaren Körperlichkeit“ zu wecken. Ein Ansatz, für den der Mediziner viel Kritik einstecken musste. Ironischerweise geriet er mit seiner Arbeit als gewissenloser Kapitalist in die Schusslinie. Den Tod zu vermarkten, erschien vielen unerträglich. Vor allem in Deutschland wurde über die Körperwelten sehr grundsätzlich debattiert. Und dies setzte, das spürt man noch heute, von Hagens zu. Auch sein Sohn Rurik, der mittlerweile das Unternehmen leitet, erinnert sich gut an die massiven Auseinandersetzungen. Am Ende rettete sich der Vater mit Voltaire. Der soll gesagt haben, dass die Deutschen ein sehr grundsätzliches Volk seien. In allen anderen Ländern, von den USA und Japan über Israel bis in die Türkei, lösten die Ausstellung nicht im Entferntesten solche Diskussionen aus. Keine Angst vor dem Tod: Kulturkämpfe können von Hagens nicht beirren Was auch immer diese Kulturkämpfe provozierte, beirren konnten sie von Hagens nicht. Sein Lebensweg war nie der leichteste und vielleicht stählte das den Mann. Schon im Kindesalter litt der 1945 in Alt-Skalden (Posen/Polen) geborene und in Gera aufgewachsene von Hagens an einer seltenen Bluterkrankung. Immer wieder und für viele Monate musste er ins Krankenhaus. Dies habe ihn „auf gewisse Art entfremdet“ von der Gesellschaft, habe seine Unangepasstheit gefördert, sagt er. Eigenschaften, die ihn später sogar für zwei Jahre ins Gefängnis brachten. Mit Zweifel am Kommunismus versuchte er, am 7. Januar 1968 über die tschechische Grenze nach Österreich zu fliehen. Der Plan misslang, der 23-Jährige wurde verhaftet und kam als Republikflüchtling in Haft. Im August 1970 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Rückblickend erkennt von Hagens auch hier eine Prägung, die ihm in seinen späteren Leben von Nutzen sein sollte. „Die mir genommene Freiheit stärkte mein Durchhaltevermögen.“ Angesichts des Sturms, den seine Körperwelten auslösten, keine ganz unwichtige Eigenschaft. Sieben Jahre später, im Jahr 1977, erfindet von Hagens am Anatomischen Institut der Uni Heidelberg sein bahnbrechendes Verfahren zur Konservierung anatomischer Präparate. Kurz gesagt: Bei der Plastination wird in zwei Schritten das Zellwasser und Zellfett mit Aceton herausgelöst. Dieses Aceton wird schließlich in einer Vakuumkammer durch Silikon-Kautschuk ersetzt. Das Präparat ist in diesem Zustand noch flexibel und lässt sich mit Drähten und Nadeln gestalten. Das dann fertige Exponat wird mit Gas oder UV-Licht gehärtet. Der ganze Herstellungsprozess dauert Monate. Keine Angst vor dem Tod: im 16. Jahrhundert „Anatomische Theater“ überall in Europa 70 Mitarbeiter stellen in Guben mehrere Hundert Plastinate im Jahr her. Der überwiegende Teil geht heute nicht in Ausstellungen, sondern an Universitäten als Anschauungsmaterial für die Ausbildung von Medizinstudenten. Klar, der Erfinder will von seiner Arbeit leben. Aber für von Hagens scheint weniger der ökonomische Erfolg als der Erfolg der Idee im Mittelpunkt zu stehen. Mit diesen knüpfte er an die Ursprünge der anatomischen Kultur an. Viele Hundert Jahre waren anatomische Untersuchungen mit einem kirchlichen Tabu belegt. Doch in der Renaissance wandelte sich das Bild vom Körper als Grab der Seele hin zum Körper als Tempel des Geistes. Ab dem 15. und vor allem im 16. Jahrhundert wurden überall in Europa „Anatomische Theater“ eröffnet, in denen öffentliche Sektionen stattfanden, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nahm. Einen menschlichen Körper zu öffnen, hieß damals, die Innenseite eines göttlichen Geschöpfs sichtbar zu machen und der unermesslichen Weisheit Gottes offenbar zu werden. Erst mit der Akademisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte ein Rückzug der Anatomie aus der Mitte der Gesellschaft ein, der im Grunde bis zu den ersten großen Ausstellungen von Hagens ab Mitte der 1990er Jahre anhielt. Das mit den Körperwelten begann ganz klein. Auf Anfrage der AOK in Pforzheim stellte von Hagens einige kleine Präparate aus – und erlebte eine Art Interessenexplosion. Der Andrang soll riesig gewesen sein, da lag die Idee einer größeren Ausstellung nahe. Den Auftakt machte Tokio, wo in zwei Monaten rund 500 000 Japaner die Präparate sehen wollten. Und im Oktober 1997 öffnete die europaweit erste Körperweltenausstellung im Landesmuseum für Technik in Mannheim. Auch hier schlug das Projekt ein wie eine Bombe: 800 000 Besucher in den ersten vier Monaten! So großes Interesse zog natürlich auch Kritik nach sich. Keine Angst vor dem Tod: sechs tourende Körperwelten-Ausstellungen und vier feste Standorte Der Gang an die Öffentlichkeit markierte die akademische Wende. Galt von Hagens bis dato als revolutionär in Sachen Plastination und genoss in der Welt der Mediziner hohes Ansehen, geriet er nun nah an das Klischee eines windigen Geschäftemachers. Und natürlich schmerzte diese Missachtung und Kritik. Sein Sohn sagt heute: „Die Aufklärung geriet zur Berufung und war ihm stets wichtiger als sein gesellschaftliches Ansehen.“ Heute gibt es sechs tourende Körperwelten-Ausstellungen und vier feste Standorte: Amsterdam, San José, Berlin und Heidelberg. Heftige Kritik löste – neben der Vermarktung und der Zurschaustellung des Todes – auch immer wieder das Körperspenderprogramm aus. Seit der ersten Ausstellung begleitet von Hagens der Verdacht, er würde Körper von Toten illegal beschaffen. Was der Anatom weit von sich weist und Statistiken über Statistiken zeigt. Bis jetzt gab es genau 17 071 Körperspenden, allein aus Deutschland kamen 14 982. Und keine einzige stamme auch nur verdachtsweise aus unsicheren Quellen, beteuert von Hagens. Keine Angst vor dem Tod: den Tod wieder zum vertrauten Begleiter machen Es ist eine Diskussion, die den Mann ärgert. Denn sie lenke vom Eigentlichen ab. Frei nach dem französischen Soziologen Philippe Ariès (1914 bis 1984) geht es von Hagens darum, den Tod wieder zum vertrauten Begleiter zu machen. Für den französischen Autor des Buches „Geschichte des Todes“ war der Tod über Jahrtausende gezähmt. Heißt: Von der Antike bis in die frühe Neuzeit war das Sterben integraler Bestandteil des Lebens. Im 19. Jahrhundert begann sich diese Verbindung zu lösen. Ariès nennt dies den „verwilderten Tod“: Mensch und Tod erleben eine tiefgehende Entfremdung. Und je weiter er in leistungsorientierten Gesellschaften aus dem Alltag verdrängt wird, desto größer wird die Angst des Menschen vor dem doch Unweigerlichen. Dabei wusste schon der französische Philosoph Philippe Duplessis-Mornay (1549 bis 1623): „Um glücklich zu sterben, muss man glücklich leben lernen. Um glücklich zu leben, muss man sterben lernen.“ Charles Darwin ging noch weiter. Für den Entdecker der Evolution war der Tod nicht nur Ziel, sondern Bedingung für das Leben. „Wenn der Tod nicht wäre, gäbe es kein Leben, keine unterschiedlichen Spezies, einfach nichts.“ Worte, die für Gunther von Hagens zu Leitfäden wurden, denen er alles unterordnet. Und so hat er die Frage nach der Angst vor seinem Tod schon lange mit Nein beantwortet. Auch Frank Zscholpig, seit 2010 Mitarbeiter im Gubener Plastinarium, lässt keinen Zweifel daran, dass ihn der Job beeinflusst. Die Arbeit an Toten habe seinen Bezug zum Leben verändert. Genau wie Sophie in „Sophies Welt“ erkennt er nun deutlicher als früher: Man sollte sein Leben genießen. „Das Wissen über den Tod macht das Leben wertvoll“, sagt Zscholpig und merkte verschmitzt an: „Ich esse jetzt mehr Schokolade.“

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