Lebenslinien

Geschichte(n) aus Plankstadt: „Anna Schmitt, Baracke 12, will bleiben“

Die starke Frau und „Kleidermacherin“ aus Plankstadt lebt zuerst in Paris und dann im Lager Gurs und wird wahrscheinlich 1945 in Auschwitz ermordet.

Von 
Gunther Treiber
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Spurensuche: Sohn und Wehrmachtsangehöriger Erich Schmitt sucht Ende 1939 über das Auswärtige Amt seine vermeintlich in Paris lebende Mutter. Die Nachricht vom 25. Februar 1941: Anna Schmitt lebt! Es ist sicherlich eine von Dr. Ernst Kundt verbreitete Behauptung, dass sie das Lager von Gurs nicht verlassen will. © siehe Bildtext

Plankstadt. Das Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen verdankt seine traurige Bekanntheit als der Ort, an dem seit Oktober 1940 die jüdische Bevölkerung Badens, der Pfalz und der Saar interniert war, um von dort in den Jahren 1942 bis 1944 in die Vernichtungslager deportiert zu werden. Es war eines der Lager, das eingerichtet wurde, um Zehntausende spanischer Republikaner aufzunehmen, die nach dem Ende des Bürgerkrieges im Januar 1939 vor dem Diktator Franco nach Frankreich geflohen waren. Als solches unterstand es der Militärverwaltung.

Als eine Antwort auf den Kriegsausbruch verfügte die französische Regierung in einem Runderlass die Internierung „aller gefährlichen, verdächtigen und unerwünschten ausländischen Männer“, und, nach Beginn des Westfeldzuges, die der Frauen und Kinder im Mai/Juni 1940. Ein Großteil dieser über 9000 Personen kam in das Lager Gurs. Darunter war auch Anna Schmitt.

Anna Schmitt wurde im Mai 1887 als fünftes von acht Kindern in Plankstadt geboren. Drei ihrer Geschwister starben bald nach der Geburt. Ihr Vater, ein Metzger und Wirt, kam aus Bayern, er war katholisch, so wurden die Söhne katholisch und die Töchter wie die Mutter evangelisch getauft.

Die Nachricht vom 25. Februar 1941: Anna Schmitt lebt! Es ist sicherlich eine von Dr. Ernst Kundt verbreitete Behauptung, dass sie das Lager von Gurs nicht verlassen will. © siehe Bildtext

Annas Kindheit und Jugend liegen für uns im Dunkel. Ihre erste Spur führt uns nach Karlsruhe, wo sie seit 1915 lebte. Sie brachte hier im November des Jahres ihren Sohn Erich zur Welt, der Vater, ein Reichsbahnassistent, wird sich erst zwei Jahre später zu seinem Sohn bekennen. Zu einer Heirat kam es nicht. Im Adressbuch Karlsruhes von 1916 ist sie als ledige, eigenständige und berufstätige Frau, als „Kleidermacherin“ aufgeführt. Dieser Beruf legt nahe, dass sie eine Ausbildung genossen hat.

1923 – sie ist 36 Jahre alt – machte sie sich auf nach Paris. Ihr Sohn wird später angeben, sie sei „auf Veranlassung der mit ihr eng befreundeten Familie Picard nach Paris gekommen“. Camille Henry Picard war Stoffhändler, möglicherweise haben sich beide auf einer Stoffmesse in Karlsruhe kennengelernt. Die Aufenthaltsgenehmigung der Präfektur von Paris weist als Wohnort die Rue Pierre Curie im 6. Arrondissement aus.

Geschichte(n) aus Plankstadt: Erich sucht seine Mutter

Ihren Sohn ließ sie in Karlsruhe zurück, sei es bei ihren Eltern, die inzwischen dort lebten oder bei seinem Vater. Erich wird später eine Lehre als Drogist absolvieren.

Im November 1937 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, diente den ganzen Krieg über bei der Sanitätstruppe, zuletzt als Feldwebel. 1940 nach dem Waffenstillstand machte er sich auf die Suche nach seiner Mutter. Er muss wohl den Frankreichfeldzug mitgemacht haben, denn er wird später angeben, im Juli in der Wohnung der Picards, wo seine Mutter zwei Zimmer bewohnte, gewesen zu sein, ohne jemanden anzutreffen. Er habe dann in Blois einen ehemals internierten Landsmann getroffen, der ihn auf Gurs hinwies. Er schrieb Briefe, die ungeöffnet zurückkamen. Daraufhin wandte er sich an das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das ihn nach zwei erfolglosen Nachforschungen an das Auswärtige Amt verwies.

Ernst Kundt, seit April 1933 Mitglied der NSDAP, war Sohn des Karlsruher Buchhändlers Ernst Kundt. Er machte sein Abitur am Bismarckgymnasium, nach Jura-Studium und Promotion war er in verschiedenen Stellungen tätig, bis er 1924 in das Auswärtige Amt übernommen wurde. Inzwischen Legationsrat wurde er Leiter der Kommission, die im Juli und August 1940 die vielen Internierungslager im besetzten wie im nicht besetzten Teil Frankreichs aufsuchte, um die deutschen Staatsangehörigen ins Reich zurückzuführen sowie die Regimegegner der Gestapo zu überstellen.

Der Umstand, dass Erich Wehrmachtsangehöriger war, ließ das Amt tätig werden. Es beauftragte das Generalkonsulat in Marseille, Nachforschungen anzustellen. Dieses wandte sich an die Präfektur in Pau, die das Lager verwaltete. Dort gab es keine Unterlagen zu Anna Schmitt. Das ist denkbar, hatte doch der Lagerkommandant mit dem Waffenstillstand viele Akten verbrennen lassen und den Insassen freigestellt, das Lager zu verlassen. Hinzu kommt, dass in Gurs sich auch Personen aufhielten, die nicht registriert waren.

Spurensuche: Sohn und Wehrmachtsangehöriger Erich Schmitt sucht Ende 1939 über das Auswärtige Amt seine vermeintlich in Paris lebende Mutter. © siehe Bildtext

Geschichte(n) aus Plankstadt: Erlösende Nachricht 1941

Trotzdem erhielt Erich im Februar 1941 die erlösende Nachricht. Seine Mutter sei von einer deutschen Kontrollkommission im Lager angetroffen worden. Eine Rückführung nach Deutschland habe sie abgelehnt, sie wolle „in Frankreich bleiben“. Da ein postalischer Kontakt unmöglich war, wandte er sich immer wieder in Abständen an das Referat Kundt, um erneut ein Lebenszeichen seiner Mutter zu erhalten. Auf sein wohl letztes Schreiben im April 1944 antwortete die Behörde am 20. Juni, dass die vom Generalkonsulat „angestellten Ermittlungen zu Frau Anna Schmitt ergebnislos“ verlaufen seien. Am 6. Juni 1944 waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Anna blieb verschwunden.

Geschichte(n) aus Plankstadt: Jude Camille Henry Picard

Er ist im Januar 1882 in Bordeaux geboren, war also fünf Jahre älter als Anna. Er bewohnte eine Etage in einem sechsstöckigen Gebäude in der Avenue des Ternes im 17. Arrondissement in der Nähe des Triumphbogens. Wir wissen nicht, wann Anna zu ihm gezogen ist. Sein Stoffgeschäft lag direkt neben der Banque de France im 1. Arrondissement, also in bester Lage. Camille war Jude.

Camille Picard war vorsichtig. Er hatte auch allen Grund dazu. Im Frühjahr 41 war es in Paris zu den ersten Verhaftungen von Juden gekommen. Mit dem Waffenstillstand hatte die französische Politik eingewilligt, den Anordnungen der deutschen Besatzer Gesetzeskraft zu verleihen, so zum Beispiel die Erfassung der Juden im Oktober 1940, das Tragen des Judensterns im Juni 1942 und im selben Monat der Beginn der Massenauslieferung jüdischer Bürger für die Deportation in die deutschen Vernichtungslager. Administration und Polizei des Vichy-Regimes erwiesen sich als willige Helfer.

Camille wurde überwacht. Im Archiv der Präfektur von Paris liegt wohl ein Spitzelbericht an die „ren-seignements géneraux“ – die politische Polizei – vom November 1941, der ihn so beschreibt: Er wohne in einer Wohnung, für die er jährlich regelmäßig 6000 Francs entrichte, weil er Jude ist, werde sein Geschäft von einem arischen Geschäftsführer geleitet, er lebe mit einem zwei Jahre älteren Fräulein zusammen und treffe sich sonst mit niemandem und empfange zuhause keinen Besuch. Gewöhnlich verlasse er am Nachmittag die Wohnung und kehre erst spät abends zurück. Kontakt zu anderen Mietern habe er nicht, er sei politisch unauffällig und strafrechtlich liege nichts gegen ihn vor. Den Geheimdiensten seien er und seine Freundin nicht bekannt.

Camille war nicht vorsichtig genug. Er wurde in Neuilly, einem vornehmen Pariser Vorort, bei einer Razzia verhaftet und am 19. März 1942 im Lager Drancy festgehalten, dann in das Lager Compiegne verlegt, kam am 23. März 1943 nach Drancy zurück und wurde von dort mit dem Transport 53 zwei Tage später in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. In diesem Transport saßen auch hunderte badische Juden aus Gurs, darunter auch Eva Brigitte Marum, die Tochter des Karlsruher Anwalts und Reichstagsabgeordneten Ludwig Marum, den die Nazis 1934 im Lager Kislau ermordet hatten.

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Geschichte(n) aus Plankstadt: Wiedergutmachungsverfahren

Mit der Gesetzgebung zur Wiedergutmachung (1953) erlittenen Unrechts durch die NS-Politik konnte Erich einen Antrag auf Entschädigung stellen. Der Todestag seiner Mutter war auf den 1. Januar 1945 festgesetzt worden, der Ort war Frankreich.

Er beantragte eine Entschädigung für den Freiheitsentzug, Verlust des Vermögens und den Tod seiner Mutter. Die Behörde seines Wohnorts Heidelberg lehnte den Antrag ab, Erich ging vor Gericht, das die Behörde im Recht sah, denn, so der Richterspruch, hätte Anna das Angebot der Kommission annehmen und nach Deutschland zurückkehren können. Im Ausland verlorener Besitz könne nicht entschädigt werden.

Erich legte Berufung ein, im neuen Verfahren konnte er das Gericht überzeugen, dass das Angebot an seine Mutter, das Lager zu verlassen, nie gemacht wurde, denn seine Mutter galt als politisch unzuverlässig und habe bei Juden gearbeitet. Angesichts der grauenhaften Verhältnisse im Lager hätte sie sich ganz sicher für Leben und Freiheit entschieden. Sie sei sehr wahrscheinlich zusammen mit der Familie Picard 1941 von Drancy aus ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet worden. Das Gericht schloss sich seinen Überlegungen an und gewährte Erich eine Entschädigung von 6000 Mark.

Das Gericht hat sich die Sache leicht gemacht, Nachforschungen nicht angestellt. Anna Schmitt war arisch, sie steht auf keiner Deportationsliste, Picard wird auf der Deportationsliste als célibataire – als Junggeselle – geführt. Anna wird wohl kaum angegeben haben, dass sie bei Juden gearbeitet hatte. Aber all das soll nicht heißen, dass Erich zu Unrecht entschädigt worden ist.

Was wir heute über Anna Schmitt wissen, ist zu wenig, als dass wir uns ein wirklich zutreffendes Bild von ihr machen könnten. Eine starke Frau muss sie gewesen sein. Sie ist allein (eventuell als Schwangere?) nach Karlsruhe gekommen und hat selbständig ihren Lebensunterhalt verdient. Wahrscheinlich hat sie nicht heiraten wollen, sie hat, um nach Paris zu gehen, ihren Sohn zurückgelassen.

Geschichte(n) aus Plankstadt: Frankreich ihr Zuhause

Sie wollte nicht zurück nach Deutschland, weil Frankreich ihr Zuhause war. 17 Jahre hat sie in diesem Land gelebt, 17 Jahre hat sie mit Camille Henry Picard zusammengearbeitet und vielleicht auch lange als Paar zusammengelebt. Und wenn ihre Entscheidung gegen eine Rückkehr auch eine politische Seite hatte, war diese ein Akt des Widerstands.

Quellen: GLA Karlsruhe 480/23049 (1-2)/465a MB59; Archiv des AA/Bonn/Archives de la Préfecture de Police Paris, Mémorial de la Shoah Paris.

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