Erinnerung an die Pogromnacht am 9. November 1938

Als die Schöpfung kollabierte: Gedenken in Schwetzingen

Bei den Gedenkfeierlichkeiten zur Reichpogromnacht am 9. November gibt es bewegende Momente in Schwetzingen.

Von 
Stefan Kern
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Moritz Brand spricht über Robert Goldschmidt, der nur sechs Jahre alt werden durfte und in Auschwitz ermordet wurde. © Norbert Lenhardt

Am 9. November vor 84 Jahren machte sich in Deutschland die Unmenschlichkeit vor aller Augen und in aller Brutalität breit. An diesem Tag im Jahr 1938 zogen von Nationalsozialisten entfesselte Deutsche durch die Straßen von Städten und Dörfern, sie zerstörten Synagogen, jüdische Wohnhäuser und quälten Menschen. Die Reichspogromnacht ist ganz sicher eine der dunkelsten Stunden dieses Landes.

Pfarrer Steffen Groß ließ innerhalb einer Gedenkstunde am Mahnmal in der Zeyherstraße in Schwetzingen und anschließend auch in der evangelischen Stadtkirche keinen Zweifel daran, welch überragende Bedeutung der Erinnerung an diese dunklen Stunden zukomme. Auch wenn sie schmerze: Auf Erinnerung lebe der Segen. Und, möchte man hinzufügen, sie ist die einzige wirkliche Gewährsmacht für das Nie-wieder.

Die Gedenkfeier beginnt am jüdischen Mahnmal in der Zeyherstraße und wird anschließend in der evangelischen Stadtkirche fortgesetzt. © Lenhardt

Zu Beginn trafen sich die rund 50 Teilnehmer an dem Mahnmal in der Zeyherstraße. Für den ehemaligen Schuldekan Kurt Glöckler ist dies immer ein wichtiger Termin. Doch dieses Jahr, in diesen unfriedlichen Zeiten überall auf der Welt, sah er in dem Gedenken ein Moment der Hoffnung. Das Erinnern als Macht, die der Gewalt und der Demütigung entgegensteht. Nach der Titelmelodie aus dem bekannten Film „Schindlers Liste“, auf der Geige wunderbar gespielt von Thomas Gerlinger, erklang eine Litanei, mit der die Teilnehmer versprachen, dass niemand vergessen werde. Kein Kind, dem die Eltern genommen wurden, kein Elternteil, dem das Kind genommen wurde, und auch nicht die, die mit bestialischer Gewalt aus dem Leben gerissen wurden.

Schicksale bekommen ein Gesicht

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Anschließend zog die Gruppe in die Stadtkirche, wo Mitglieder der evangelischen Jugend mit Unterstützung durch Glöckler stellvertretend für viele Menschen zwei Schicksale hervorhoben. Erschütternd vor allem der Lebensweg des 1938 geborenen Robert Goldschmidt. Seine alleinstehende Mutter wurde 1940 – da war Robert also zwei Jahre alt – nach Gurs deportiert und weitere Jahre später in Auschwitz ermordet. Robert, untergekommen in Pflegefamilien und Kinderhäusern, kam 1942 mit 41 weiteren Mädchen und Jungen nach Theresienstadt. In zwei Tagen, am 11. und 12. Juli 1944, wurden hier 7000 Menschen vergast – unter ihnen der sechs Jahre alte Robert. Die in Schwetzingen im Jahr 1868 geborene Betty Hanf erlitt das gleiche Schicksal. Menschen, eben noch in der Mitte der Gesellschaft, werden ausgegrenzt, gedemütigt und ermordet. Es waren Momente, in denen der Gedanke vom Menschen als Krönung der Schöpfung kollabierte.

Das Duo „Tomaris“ spielt Stücke, die das Blut in den Adern gefrieren lassen. © Norbert Lenhardt

Einzig die Musik, zauberhaft gespielt vom Duo „Tomaris“, spendete etwas Trost. Zum Klingen brachten sie unter anderem ein Stück des jüdischen Komponisten Zikmund Schul, das dieser tatsächlich im Konzentrationslager Theresienstadt vor seiner Ermordung 1944 komponiert hatte.

Das Blut in den Adern gefror mit dem Werk „Lamento“ von Ibragimova. Ein Stück, das an die Kinder in Theresienstadt erinnert. Gemeinsam mit zwei Gedichten der Kinderkrankenschwester Ilse Weber öffnete sich ein Raum ins Dunkle. Die Worte aus ihrem Gedichtband „In deinen Mauern wohnt das Leid“ schmerzten: Menschen, die Kinder quälen und töten. Das Bild vom Menschen, das aus diesem Gedichtband aufblitzte, ist unerträglich und Mahnmal. Gerade jetzt, so Groß, wo sich Verachtung und Demütigung wieder zunehmend breitmachten in dieser Welt. Ilse Weber ging mit den ihr anvertrauten jüdischen Kindern 1944 freiwillig mit nach Auschwitz bis in die Gaskammern.

Moritz Brand spricht über Robert Goldschmidt, der nur sechs Jahre alt werden durfte und in Auschwitz ermordet wurde. © Norbert Lenhardt
In den Kirchenbänken hören die Menschen von erschütternden Schicksalen. © Norbert Lenhardt

Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.

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