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Historie

Die Legende von Naturforscher Schimpers Schädel

Über den in Schwetzingen verstorbenen berühmten Naturforscher Karl Friedrisch Schimper gibt es viele Geschichten. Seine Überreste befinden sich im Karl-Wörn-Haus.

Von 
Gastbeitrag von Professor Josef Walch
Lesedauer: 

Schwetzingen. Der oft als Universalgenie bezeichnete Naturforscher Karl Friedrich Schimper, der 1867 in Schwetzingen verstarb, wo er seit 1849 lebte, gehörte sicher nicht zu den Forschern und Wissenschaftlern, die ihr Leben in einem Elfenbeinturm verbrachten. Aus zahlreichen Quellen wissen wir, dass er den Besuch in Schwetzinger Gasthäusern schätzte, dabei eine sehr kommunikative Persönlichkeit war, die den Kontakt zu den Schwetzinger Bürgerinnen und Bürgern suchte. Die Bauern mochten ihn wegen seiner Wetterprognosen, den Kinder vermittelte er Kinderspiele, so das Bauen und Werfen eines Bumerangs, wie aus zeitgenössischen Briefen hervorgeht.

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Das ehemalige Café Keßler spielte in der Schwetzinger Zeit Schimpers dabei eine besondere Rolle. Er hielt sich dort, wie zeitgenössische Quellen belegen, oft auf. Dieses Café kann man sicher als eine „Schwetzinger Institution“ bezeichnen seit seiner Eröffnung im Jahr 1834 bis zu seiner Aufgabe 1955. Es befand sich an den Kleinen Planken an der Stelle der heutigen Sparkasse und wurde 1985 für einen Neubau der Sparkasse abgerissen. Das Café war 121 Jahre in Familienbesitz.

Das Lieblingscafé

Aus dem Rezeptbuch des Konditors und Caféhausbesitzer Carl Friedrich Keßler stammen die Rezepte der Lieblingstorten des Dr. Schimper. © Walch

Gegründet wurde es von Konditormeister Carl Keßler (1810-1868), der sich aufgrund seiner hugenottischen Abstammung auch Charles Frédéric Keßlér nannte. Nach einer fünfjährigen Lehrzeit als Konditor bereiste Keßler zu Studienzwecken Frankreich, um sich die Herstellung von Schokolade, Likören und Absinth anzueignen – ein Getränk, dem Karl Friedrich Schimper wie viele Intellektuelle und Künstler seiner Zeit nicht abgeneigt war.

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Nach einer weiteren Zwischenstation in Frankfurt/Main, wo er die Kunst der Torten- und Pralinenherstellung erlernte, kehrte er 1834 nach Schwetzingen zurück und eröffnete das „Neue Caffée nebst Pattiserie & Thee-Stube“. Das Gebäude diente zuvor als lutherisches Pfarr- und Schulhaus, das Gründungsdatum, Luthers Geburtstag am 10. November, war sicher kein Zufall.

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Ende Juli 1849 hatte sich Karl Friedrich Schimper von Mannheim kommend endgültig in Schwetzingen niedergelassen, wo er zunächst für fünf Monate im „Goldenen Hirsch“ (heutiges Palais Hirsch am Schlossplatz) wohnte. Nach mehreren Zwischenstationen war Siegmund Huber für sieben Jahre der Vermieter Schimpers . Er bewohnte eine „kalte Dachstube“, die, an einer entlegenen Stelle der Stadt, „kein Feuer, nur Licht kennt“, wie seine ehemalige Verlobte Sophie Wohmann schrieb.

Von 1858 bis 1863 lebte Schimper in einer Dachwohnung im ehemaligen „Pfälzer Hof“. Teil des Gebäudekomplexes des „Pfälzer Hofes“ war auch eine Metzgerei, die Metzgerswitwe Schwind war seine Vermieterin. Schimper scheint aber immer mehr von der Atmosphäre des Café Keßler angetan gewesen zu sein, zumal der „Patron“ Carl Keßler wohl ein gebildeter, kunstliebender Zeitgenosse war. In einem Bericht der Schwetzinger Zeitung zum 100. Jubiläum des Café Keßler 1934 konnte man lesen: „Mit seiner Familie und seinen Geschwistern bildete er einen trauten Kreis, in dem man mit gleichgesinnten Freunden der Musik und Literatur reges Interesse entgegenbrachte und sie aufrichtig pflegte.“

Vermächtnis an Georg Keßler

Zu diesem Freundeskreis gehörte auch der Naturforscher Dr. Karl Schimper, der ein gern gesehener Gast im Hause Keßler war. Neben seiner gut gehenden Konditorei betrieb Keßler auch noch Spargel- und Hopfenanbau mit wohl großem Erfolg, wie Auszeichnungen des „Pfälzischen Gauverband der landwirtschaftlichen Bezirksvereine“ belegen. Schimper war ihm in diesen Fragen des Spargel- und Hopfenanbaus sicher ein guter Berater.

Im Café Keßler wurde auch der legendäre „Vertrag“ geschlossenen, auf dessen Grundlage der Schädel Schimpers nach seiner Ausgrabung auf dem alten Friedhof (nahe der Hildaschule, wo sich heute noch das Hebel-Grab sich befindet, JW) dem Freund und Sohn von Karl Fridrich Keßler, Georg, übereignet wurde.

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Stadtarchivar Joachim Kresin beschreibt diese Geschichte in einem Beitrag zum 150. Todestag Schimpers in dieser Zeitung so: „Gerne brachte Schimper seine wissenschaftlichen Erkenntnisse am Stammtisch im Café Keßler zu Gehör, was durchweg Hochachtung hervorrief und bei Georg Keßler, Sohn des Wirts Carl Friedrich Keßler zum Ausspruch führte ,Deinen Kopf möchte ich haben’. Daraufhin verfügte das Universalgenie, dass Georg Keßler nach seinem Tod und der vorgeschriebenen Ruhezeit seinen Schädel erhalten sollte. Als die Umbettung von Schimpers Leichnam anstand, erinnerte sich Georg Keßler an dieses schriftliche Vermächtnis, woraufhin ihm Schimpers Schädel ausgehändigt wurde.“

Das war 1897 und die Familie Keßler nahm den Schädel des Naturforschers in ihren Besitz. Martin Keßler, der heute in Schwetzingen lebende Nachfahre der Familie Keßler, erinnert sich noch, wie er als Kind den Schädel in Zeitungspapier eingewickelt in einem Schrank bei seiner Großmutter im Café Keßler gesehen hat. Später übergab die Familie Keßler den Schädel der Schimper-Schule, die das Objekt dann dem städtischen Museum, dem Karl-Wörn-Haus übergab. Es waren die Schädeldecke und der Unterkiefer Schimpers, der Gesichtsschädel fehlte. Die restlichen Gebeine Schimpers sind auf dem heutigen Schwetzinger Friedhof beigesetzt. Dieses Grab wurde nochmals am 24. September 1943 auf Antrag von Prof. Dr. Julius Schuster, Professor an der Universität Berlin, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, geöffnet. Damit sollten Zweifel beseitigt werden, ob diese Schädelreste des Museums wirklich Schimper gehörten.

Schuster schreibt in einem Bericht vom 2. November 1943 an den Schwetzinger Bürgermeister A. Stober: „Demzufolge wurde mit Genehmigung des Herrn Bürgermeisters A. Stober am 24. September 1943 morgens 10 Uhr das Grab Schimpers auf dem neuen Friedhof geöffnet. Es fand sich darin in einem kleinen Sarg neben den langen Knochen ein Rest des linken Oberkiefers mit dem unteren Teil der Augenhöhle und dem Jochbogenfortsatz. Die Naht des Letzteren paßt genau in dem am Schädel Schimpers vorhanden Schläfenbeinfortsatz. Dadurch ist die Echtheit des Schimper’schen Schädels völlig sichergestellt. Auch lässt sich der Schädel durch diesen Fund aus seinen Teilen – Schädeldecke, Unterkiefer, linker Oberkiefer und sieben einzelnen Zähnen - wieder zusammensetzten“.

Die besondere Beziehung zwischen dem Caféhausbesitzer Carl Friedrich Keßler und Schimper lässt sich noch aus einem anderen Dokument erschließen, das bis heute unveröffentlicht ist – in einem Notizbuch (Zunftbuch) von Carl Friedrich Keßler, dessen erste Aufzeichnungen aus dem Jahr 1839 stammen und das sich heute im Besitz des Nachfahren Martin Keßler befindet, mit Rezepten und anderen Notizen für das Café und die Konditorei.

Seine Lieblingstorten

In diesem Buch befindet sich eine Seite mit der Überschrift „Dr. Schimpers Lieblingstorten“. In penibler Sütterlinschrift werden dort die Rezepte für eine „Baisertorte“, eine „Magdalentorte“ und eine „Holländische Buttertorte“ beschrieben. Die Einweihungsfeier der neuen Schimper-Gemeinschaftsschule in diesem Jahr wäre doch ein schöner Anlass, die Lieblingstorten des Universalgenies zu backen – nach den Rezepten von Konditor und Schimper-Freund Carl Friedrich Keßler.

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