Volkstrauertag

Schwetzinger Pfarrer Groß: Die Bibel weiß, dass der Mensch zu Bösem fähig ist

Pfarrer Steffen Groß reflektiert beim zentralen Gedenken über den christlichen sowie seinen ganz privaten Pazifismus, der einige Herausforderungen überstanden hat.

Von 
Stefan Kern
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Hebel-Schülerin Charlotte Conrad (l.) spricht bei der Gedenkfeier neben den Kränzen in der Schwetzinger Friedhofskapelle. © Lenhardt

Der Tag ist Tradition. 1919, ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges, wurde der Volkstrauertag vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge begründet. Was als Heldenverehrung für die zwischen 1914 und 1918 gefallenen deutschen Soldaten begann, ist heute ein Tag der Mahnung der Toten von Krieg und Gewalt an die Lebenden. Und dieser Tag, so Bürgermeister Matthias Steffan im Rahmen einer Gedenkstunde in der Friedhofskapelle, sei auch 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wichtig.

Seien die Toten doch eine Art Kompass für das „Nie wieder“. Ja, angesichts des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine vielleicht wieder wichtiger denn je. Eine Einschätzung, die den Rahmen hier ziemlich genau traf. Geriet die Gedenkstunde in der Friedhofskapelle auf dem Schwetzinger Friedhof mit Pfarrer Steffen Groß, Bürgermeister Steffan und der Hebel-Schülerin Charlotte Conrad doch zu einer zutiefst beeindruckenden Reflexion über den Menschen, das Böse sowie den Krieg und den Frieden.

Nachdem der Musikverein Stadtkapelle Schwetzingen unter der Leitung von Pascal Morgenstern den musikalischen Auftakt mit „Bleib bei mir Herr! Der Abend bricht herein“ gestaltete, warf Pfarrer Groß einen Blick zurück in seine Vergangenheit. Hat er mit 18 doch aus voller Überzeugung den Dienst an der Waffe abgelehnt. Für Christen vor dem Hintergrund „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ geradezu eine heilige Pflicht.

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Übersehen, so Groß heute, habe er damals, dass Soldaten der Alliierten einen schrecklichen Blutzoll zahlten, um den Nationalsozialismus zu besiegen. Auch die Bibel gebe sich letztlich keinen Illusionen hin. „Der Mensch ist zu Bösem fähig.“ Die ersten Zweifel an seinem Pazifismus überfielen Groß angesichts der entsetzlichen Bilder aus Srebrenica. Die Frage stand im Raum, ob nicht besser mit Waffengewalt die mordenden bosnisch-serbischen Truppen gestoppt hätten werden müssen.

Unerträgliches Dilemma

Und ja, heute sei es ein beinahe unerträgliches Dilemma, dass mit deutschen Waffen auf junge Russen gezielt werde. Doch führe die Alternative, das Alleinlassen der Ukrainer, in nicht noch viel schlimmere ethische Katastrophen hinein? Die Formel „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ schrumpfte vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf „Nie wieder Faschismus!“. Denn sicher scheint ihm, dass Faschismus nur mit Waffengewalt aufgehalten werden kann. Der Verzicht auf Waffengewalt habe hier die Vernichtung des Schwächeren zur Folge. Und so entstehe die schwer zu ertragende Spannung zwischen den Geboten der Gewaltlosigkeit und der Nächstenliebe. Eine Spannung, die nicht aufgelöst werden kann, aber ausgehalten werden muss.

Und Groß scheint der Nächstenliebe den Ukrainern gegenüber den Vorrang zu geben. „Die Toten des 20. Jahrhunderts mahnen uns: „Nie wieder Faschismus.“ Die Worte des Pfarrers erinnern an den israelischen Autor Amos Oz. Für ihn, so notierte er es einst, ist das Böse nicht der Krieg, für ihn ist das Böse die Aggression. Sie ist es, die zerstört.

Die Schülerin Charlotte Conrad beschäftigte sich eindringlich mit der Frage, was Krieg überhaupt sei. Wie könne es sein, dass ein einzelner Mann so viel Leid über so viele Menschen brächte. Das Recht dafür stehe doch niemandem zu. Dabei erschien es ihr fast surreal, dass nur der Zufall darüber entscheide, ob man von Krieg betroffen sei oder eben nicht: „Der Zufall der Geburt.“ Eine Unfairness, die enorme Ohnmacht nach sich ziehe. Entscheidend sei es am Ende, Mensch zu bleiben. Und da scheint es gut auszusehen. Begleiten Conrad und viele ihrer Schulfreunde doch Kinder und Jugendliche aus der Ukraine und beweisen immer wieder, dass das Menschsein, das Anständigsein, das eigentlich Bedeutsame ist und letztlich siegt.

Auch Bürgermeister Matthias Steffan erschien angesichts des Leids Mitten in Europa erschüttert. „In 262 Tagen Krieg starben über 14 000 Menschen.“ Der Krieg sei ein Bruch mit allem, was Europa ausmache. Umso wichtiger sei es nun, für die Freiheit und die eigenen Werte einzustehen. Auch das sei eine der Botschaften dieses Tages. Eine Vorstellung, die übrigens weit über den Krieg hinausgehen und auch wirtschaftliches Gebaren prägen sollte.

Anschließend wurden im Auftrag der Stadt, dem Volksbund der Deutschen Kriegsgräberfürsorge und des Sozialverbandes Deutschland Kränze niedergelegt. Auch wenn der Tag im Zuge von 77 Jahren Frieden in und um Deutschland etwas ins Abseits geriet, er ist wichtig. Frei nach Johann Wolfgang von Goethe gilt, wer die Vergangenheit nicht kennt, ist zumindest in Gefahr, sie zu wiederholen.

Freier Autor Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.

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