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Räuchern - Mit den Aromen von Harzen, Kräutern und Hölzern durch die Rauhnächte / Erfahrungsbericht unseres Redakteurs / Das eigene Zuhause entschleunigt erleben

Redakteur berichtet über das Räuchern

Von 
Ralf Strauch
Lesedauer: 
Mit dem Fächer wird der Duft des Räucherwerks von unserem Redakteur Ralf Strauch in alle Ecken seines Zuhauses gebracht. © becheikh

Brühl. Wir werden es heute zuhause wieder machen. So wie beispielsweise auch schon zu Ostern, in der Walpurgisnacht, zur Sommersonnenwende oder zu O-bon. Auch in der längsten Nacht des Jahres werden wir in unserem Zuhause räuchern. Mindestens einmal im Monat entzünden wir Räucherwerk und gehen damit durch die einzelnen Räume unseres Hauses. Und auf diese Weise führen wir eine uralte Reinigungstradition fort, die an Weihnachten und den folgenden Rauhnächten ihren Höhepunkt findet.

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In vielen Kulturen rund um den Globus und quer durch alle Jahrhunderte hat das Räuchern eine lange Tradition. Es wurde aus ganz unterschiedlichen Gründen praktiziert. In Krankenräumen oder Pilgerunterkünften diente der Rauch früher der Desinfektion. In der katholischen Kirche wurde und wird der Weihrauch sowohl für den Wohlgeruch als auch zur geistigen Klärung eingesetzt. Und im ländlichen Raum diente einst das Räuchern von Haus und Hof von zahlreichen Segenssprüchen begleitet dem Schutz vor schädlichen Geistern und bösen Kobolden.

Man sieht, dass unsere Vorfahren den Rauch nicht nur zur Entkeimung der Raumluft nutzten, sondern ihr Zuhause zudem energetisch reinigen wollten. Beim Räuchern sollte die Atmosphäre von negative Energien, die durch unterschiedliche Ereignisse hervorgegangen sind, befreit werden, sodass wieder eine harmonische Umgebung entsteht. Aber selbst derjenige, der nicht an esoterische Energien glaubt, kann das Räuchern von Räumen zur symbolischen Reinigung nutzen.

Gegen die dicke Luft

Wir sind vor fünf Jahren zum Räuchern gekommen. Damals herrschte die sprichwörtliche dicke Luft bei uns zuhause. Dem könne man mit dem Verbrennen von Harzen, Kräutern und Hölzern begegnen, wurde uns gesagt. Wir näherten uns damals eher zaghaft dem, was manche als esoterischen Hokuspokus bezeichnen – ich sah vorerst ein Ritual der Entschleunigung, des Bewusstwerdens von Raum und Zeit.

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Räuchern, das ist nichts, was man mal eben schnellschnell nebenbei machen kann. Da gilt es zunächst den Termin für das Ritual zu finden. Bei uns sind das persönliche Jahrestage, Tage die unter einem bestimmten Patronat stehen, etwa der Georgstag, Festtage unterschiedlicher Völker, beispielsweise das keltische Lughnasadh – das Fest der Ernte – oder das japanische Ahnengedenken O-bon. Dann gilt es das passende Räucherwerk auszuwählen. Dazu gibt es eine umfassende Literatur, welches Kraut oder Harz wann warum entzündet werden soll. Vielfach runden wir das dann noch nach unserem Gusto ab. Inzwischen haben wir zwei Schubladen an Räucherwerk für jeden Anlass.

Dazu kommt das Gewürzregal mit Wacholderbeeren, Rosmarin oder Salbei. Viele Kräuter ernten wir auch im eigenen Garten und trocknen sie für das Räuchern. Und so nach und nach entwickelt man ein Näschen dafür, was zu welcher Situation passen könnte – aber die eine oder andere Weihrauchart gehört bei uns immer dazu.

Sind die Aromaspender für den Rauch zusammengestellt, wird die Kohle in unserer irdenen Räucherpfanne entzündet. Erst wenn sie komplett durchgeglüht ist, kann es losgehen. Wir mache Musik an, die zu unserer Stimmung passt, und gehen im Kerzenschein – im Advent und in den Rauhnächten ist es natürlich das Friedenslicht aus Bethlehem, das uns begleitet – in Ruhe von Raum zu Raum. Überall lassen wir den Rauch die Zimmer erfüllen, während wir uns entspannt umschauen und dabei nicht selten ganz neue Blickwinkel entdecken. Neuanschaffungen erhalten von uns immer ein besonders rauchiges Willkommen. So geht es vom Dachgeschoß bis in den Keller.

Danach werden unsere Hunde mit Rauch bedacht – früher räucherte man das Vieh im Hof. Die Hunde teilen unsere Begeisterung nicht unbedingt. Und schließlich hüllen wir uns gegenseitig in Rauch. Spätestens, aber wirklich spätestens in diesem Moment sind wir vom Alltagsstress heruntergekommen. Doch damit endet unser Ritual noch nicht. Wir gehen schließlich noch in eine zweite Runde, in der wir einen feinen Sprühnebel aus Wasser mit Lavendel- oder Orangenblütenaromen im Haus verteilen. Das bindet den Kohlerauch und lässt nichts als den angenehmen Duft des Räucherwerks zurück.

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Mehr Ruhe und Gelassenheit

Ob wir damit dann tatsächlich böse Geister vertrieben und die guten gestärkt haben, kann diskutiert werden. Aber wir haben auf jeden Fall zur inneren Ruhe und mehr Gelassenheit zurückgefunden, sehen plötzlich Dinge ganz anders. Und so haben wir auch vor fünf Jahren die dicke Luft vertrieben. Ich glaube, da kann man schon von einer energetischen Reiningung von negativen Schwingungen sprechen.

Wie gesagt liegt unser Höhepunkt des Räucherns in den Rauhnächten. Dann wird jeden Nacht die Kohle entzündet und noch ein klein wenig mehr getan, um dem alten Ritus gerecht zu werden. Das möchte ich Ihnen ab Heiligabend in einer täglichen Kolumne erklären und Sie zum mitmachen auffordern. Wie gesagt, Sie können es als heilige Handlung gemäß fast jeder Religion sehen, als profane Entschleunigung im Alltag oder als irgendetwas dazwischen.

Doch zunächst: Was sind eigentlich diese Rauhnächte? Es sind die zwölf Nächte zwischen Weihnachten – beziehungsweise oft inklusive der Wintersonnenwende – und dem Dreikönigstag. Sie gelten seit jeher als heilige Zeit. Die zwölf Nächte stehen symbolisch für die zwölf Monate im neuen Jahr. Sie sollen, so heißt es in Überlieferungen, jeweils die Ereignisse im zugeordneten Monat im Traum vorhersagen.

Der Begriff Rauhnächte – da sind Volkskundler uneins – kommt vielleicht von rauh für wild oder eben vom Räuchern beziehungsweise vom mittelhochdeutschen Wort rûch für haarig, pelzig – damit ist das Aussehen der Dämonen gemeint, die zu dieser Zeit ihr Unwesen treiben sollen. Letztere haben ihre Wurzeln in der germanischen und keltischen Tradition. Grundlage für sie ist die Differenz der Tage im Sonnenjahr (365 Tage) und dem keltischen Mondjahr (354 Tage). Um diese auszugleichen, fügten die Kelten elf Schalttage und damit zwölf Nächte ein, die quasi nicht existent sind und in denen für sie die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt sind und die Tore zur „anderen Welt“ offen stehen.

Rückblick und neue Ziele

Ganz unspirituell kann man diese Zeit aber auch nutzen. Denn dann soll man aufräumen und putzen, Schulden begleichen und Geliehenes zurückgeben, Ballast loswerden, Angelegenheiten klären und Rückschau halten, wofür man im alten Jahr dankbar ist. Außerdem kann man sich Ziele fürs neue Jahr geben – da setzt das Meditieren ganz von alleine ein. Und schließlich geht es eben auch darum, das Zuhause zu räuchern. Dazu braucht man neben einer feuerfesten Räucherschale und Kohle als Grundausstattung Salbei, Weihrauch, Wacholder, Myrrhe und Engelwurz. Doch es reicht, zum Testen erst einmal nur Weihrauch zu holen, den man dann mit vorhandenen Gewürzen aus Küche und Garten entsprechend abrunden kann.

Das Räuchern sollte man ganz einfach mal ausprobieren. Ich jedenfalls wünsche allen, die mitmachen wollen, viel Freude und Erfolg.

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